Carlos Alcaraz: Neue Zeitrechnung im Tennissport

tobi-redaktionTobi
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Der erste Grand-Slam-Titel seiner Karriere bescherte Carlos Alcaraz ganz nebenbei als jüngsten Spieler aller Zeiten die Spitzenposition im ATP-Ranking. Ob der stets entfesselt agierende junge Spanier die längst überfällige Wachablöse im Welttennis nun endgültig vollzogen hat? Für die Zukunft des Sports dürfte sein Triumph in New York jedenfalls so viel mehr bedeutet haben.

Doppelter Triumph

Schon die Vorzeichen des Herrenfinales bei den US Open waren außergewöhnlich. Carlos Alcaraz und Christian Ruud spielten nicht nur um ihren jeweils ersten Grand-Slam-Sieg, sondern machten sich zugleich auch direkt aus, wer die Spitze der Weltrangliste übernehmen sollte.

Doch allein die elektrisierende Show des jungen Spaniers vor den im USTA Billie Jean King National Tennis Center verzückten Zuschauern beim Viersatz-Triumph über seinen norwegischen Kontrahenten wird die Geschichte des Tennissports wohl nachhaltig verändern.

Entertainment pur

Alcaraz ist ganze 17 Monate jünger als es Lleyton Hewitt war, als er das ATP-Ranking 2001 erstmals anführte. Und in welch fesselnder Manier der 19-Jährige seinen fantastischen Lauf in Flushing Meadows bis zum Titelgewinn am Sonntag vollzog, wird über Jahre hinaus in Erinnerung bleiben.

hinweis ausrufezeichenNach einem Hattrick an auslaugenden Fünfsatz-Marathons, die allesamt nach Mitternacht zu Ende gegangen waren, sammelte der Young Gun all seine Energie für einen finalen Kraftakt und verdeutlichte, dass die Tenniswelt nicht mehr zwingend von Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic abhängig ist, um ein großes Publikum in ihren Bann zu ziehen.

Junge Nachrücker

New York hat seine Stars in der Vergangenheit stets gehegt und gepflegt. Und größere Persönlichkeiten als die erwähnten Big Three, die das Tennis in den letzten zwei Jahrzehnten getragen haben, kann der Sport nicht produzieren. Die US Open 2022 haben aber gezeigt, dass man nun für neue Helden bereit ist, die sich mit den allmählich scheidenden Champions auf Augenhöhe messen können.

Jannik Sinner, Frances Tiafoe und Nick Kyrgios leisteten ihren Beitrag dazu, um das diesjährige Turnier vom ersten bis zum letzten Tag mit einem unterhaltsamen Zauber zu versehen, wie selbstverständlich auch die Finalisten Carlos Alcaraz und Casper Ruud, die dem finalen Major des Jahres einen mehr als würdigen Schlusspunkt verliehen.

frances-tiafoe-us-open-2022Auf Tiafoe traf Alcaraz im Halbfinale.MehrWeniger

Erfrischende Bodenhaftung

Seit ich ein Kind bin, habe ich davon geträumt, die Nummer eins der Welt und ein Grand-Slam-Champion zu sein“, verriet Alcaraz bei der Siegerehrung im Arthur Ashe Stadium.

Ich habe immer gesagt, dass in der letzten Phase eines Turniers keine Zeit bleibt, müde zu sein. Du musst alles auf dem Platz lassen, was du in dir hast. Dafür habe ich hart gearbeitet.“

Von den Emotionen überwältigt, erklärte der so geerdete US-Open-Sieger, welche Rolle die nicht ganz vollständig auf den Rängen des größten Tennisstadions der Welt versammelte Familie bei seinem Erfolg trage. „Ich bin erst 19 Jahre alt. Die wichtigen Entscheidungen treffen daher mein Team und meine Eltern.“

Ruud konnte seine Enttäuschung der zweiten Niederlage in einem Major-Finale nach den French Open im Juni gegen Rafael Nadal freilich nicht verbergen, schwor aber zugleich, im kommenden Jahr einen neuen Anlauf zu nehmen. „Es war für uns beide ein besonderer Abend, weil wir wussten, worum es geht. Ich bin mit der Nummer zwei auch glücklich, werde aber der ATP-Spitze und meinem ersten Grand Slam weiter nachjagen.“

casper-ruud-french-open-2022Enttäuscht und motiviert zugleich: Finalist Casper Ruud.MehrWeniger

Ernsthafter Rivale für Big Three

Von der Symbolik, dass ein Teeanger die US Open in New York gewinnt, könnte man sich leicht mitreißen und ablenken lassen. Und die unbändige Dynamik, mit der ein stets im Vorwärtsgang agierender Alcaraz auf höchstem Niveau in jeder Drucksituation abliefert, mag dazu verleiten, die größten Ikonen des Sports zu verabschieden.

Doch vielmehr sollte der kometenhafte Aufstieg des jungen Manns aus El Palamar als Beleg herangenommen werden, dass es Nadal und Djokovic endlich mit einem neuen, ernstzunehmenden Rivalen zu tun bekommen, wenn um die prestigeträchtigsten Trophäen im Tennis gespielt wird.

novak-djokovic-bei-us-openZählt längst noch nicht zum alten Eisen: Novak Djokovic.MehrWeniger

Im Frühjahr nahm der Shootingstar beim Masters in Madrid nacheinander Rafa und Nole aus dem Turnier, allerdings in Dreisatz-Matches. Abzuwarten bleibt, wie sehr Alcaraz die beiden Idole im physisch und vor allem mental wesentlich anspruchsvolleren Best-of-FiveFormat fordern kann, das oft als komplett andere Sportart bezeichnet wird.

Positive Wirkung für den Tennissport

Der ehemalige Weltranglistenerste Jim Courier steigt vorsorglich auf die Bremse, schon jetzt den Beginn einer Alcaraz-Ära zu proklamieren. „Wir stehen am Anfang eines langen Prozesses, in dem Carlitos zu den großen Namen bei den Big Events zählen wird. Aber eben nicht nur er“, richtet der viermalige Grand-Slam-Champion auf Amazon Prime aus.

Djokovic wird sicher sein gewohntes Level erreichen, sobald er wieder regelmäßig bei den Majors spielen darf. Und wie man so hört, soll er für Australien im Januar die Antrittserlaubnis haben.“

Der Favoritenkreis werde sich aber mit Alcaraz erweitern, steht für Courier fest.

Es ist irrsinnig aufregend, ihm zuzuschauen. Wie er auf die Punktschläge geht, ist einfach faszinierend. Und er versteht es perfekt, das Publikum miteinzubeziehen. Dass er die US Open gewonnen hat und die jüngste Nummer eins aller Zeiten ist, verheißt nur Gutes für den Tennissport.“

carlos-alcaraz-februar-2022-brazilCarlos AlcarazMehrWeniger

Wie weit geht die Reise?

Expertenkollege Greg Rusedski drückt sich weniger zurückhaltend aus. „Alcaraz wird praktisch fix zehn oder mehr Grand Slams gewinnen. Ich traue ihm sogar zu, bis zum Karriereende in den 20er-Klub von Federer, Nadal und Djokovic einzutreten“, so der US-Open-Finalist 1997.

Alcaraz wird praktisch fix zehn oder mehr Grand Slams gewinnen..“
– Greg Rusedski

Matches gegen die Big Three werden in den kommenden Monaten jedenfalls enorme Aufmerksamkeit generieren. Welches Vermächtnis der neue Weltranglistenerste eines Tages hinterlassen wird, ist aber nur sehr bedingt abschätzbar. Fest steht allerdings, dass Carlos Alcaraz zum engsten Favoritenkreis bei den Grand-Slam-Turnieren 2023 zählen wird. Und allein diese Tatsache bedeutet sehr viel für den Tennissport, der so lange Zeit von drei schier unantastbaren Giganten beherrscht wurde.

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Autor: Tobi
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