Daniil Medvedev: Der schräge Champion

tobi-autor-portraitTobi
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Im letztmöglichen Moment verhinderte Daniil Medvedev eine historische Errungenschaft des vermutlich besten Spielers aller Zeiten. Schon lange vor seinem Titelgewinn beim US Open wurde der Russe als Thronfolger an der Spitze der Tenniswelt gehandelt. Doch taugt dieser in mehrfacher Hinsicht so unkonventionelle Schlaks überhaupt zum Star?

Fehlerlose Performance

Daniil Medvedev hat sein Versprechen gehalten. Er wolle alles, was in ihn stecke, auf den Platz werfen und auf selbigem lassen. Die Mission: Im dritten Grand-Slam-Finale den ersten Major-Titel seiner Karriere zu holen, auch wenn der Weg über Novak Djoković führen muss, der im Arthur Ashe Stadium selbst nach einem Lebensprojekt strebe.

Was Medvedev in die weltgrößte Tennisarena warf und dort liegen ließ, reichte tatsächlich. Als Aufschläger zeigte sich Russe so effizient wie nie, als er es am meisten brauchte (bei einem kurzen Stocken gegen Match-Ende war der Schaden bei Djoković bereits angerichtet). Er ging mit dem gnadenlosesten Puncher der Szene einen furchtlosen Schlagabtausch ein und fertigte letztlich die Nummer eins der Welt in drei glatten Sätzen ab.

Die Highlights: Im Finale gegen Djokovic zeigte Medvedev sein ganzes Können.


Medvedev hatte für die gewaltige Enttäuschung seines Gegenübers, der beim letzten Seitenwechsel in Tränen ausgebrochen war, freilich Verständnis und zeigte sich bemüht, dessen Schmerz zu lindern. „Es tut mir für euch Fans und Novak leid“, sprach er bei der Siegerehrung zu den 22.000 Zuschauern, die ganz offenkundig gekommen waren, um Geschichte zu bezeugen. „Nachdem wir alle wissen, wonach du heute aus warst, was du in dieser Saison und über die Jahre geleistet hast, bist du – und das habe ich noch niemals zuvor gesagt – der größte Tennisspieler aller Zeiten.“

„Es tut mir für euch Fans und Novak leid. Nachdem […] was du in dieser Saison und über die Jahre geleistet hast, bist du – und das habe ich noch niemals zuvor gesagt – der größte Tennisspieler aller Zeiten.“
– Medvedev zeigt angesichts der emotionalen Szenen am Court Größe.

Djokovic muss bei seinem anschließenden Interview sichtlich die Tränen unterdrücken.


Zeitenwende vollzogen?

Das Finale benötigte an sich keine zusätzlich historische Bedeutung. Dennoch wurde schon im Vorfeld von einer Zeitenwende geschrieben (tenniswetten.de berichtete). Djoković ist 34 Jahre alt, die weiteren zwei Mitglieder der Big Three, Roger Federer und Rafael Nadal, 40 bzw. 35. Beide sagten für das US Open verletzungsbedingt ab. Hätte Djoković seinen geschichtsträchtigen Kreuzzug mit Erfolg beendet, würde dieser Augenblick vermutlich als Höhepunkt in der Ära dieser Dreierdominanz verbucht werden.

Medvedevs Triumph löscht diese Vorherrschaft nicht unbedingt aus. Dennoch deutet der am letzten Drücker verpasste Kalender-Slam, den Djoković selbst als einmalige Chance in seiner Karriere bezeichnet hatte, auf eine Ablöse hin. Langsam, aber sicher werden die Superhelden der Big Three sterblich, was das Ergebnis nur bestätigt. Das US Open stellte vielleicht endgültig diesen lange erwarteten Generationenwechsel dar, den Sunset Slam, wenn man so will.

Normaler Übergang

Selbstverständlich werden sie das Zepter übernehmen“, meinte Djoković nach dem Match über die Riege um Daniil Medvedev, Alexander Zverev, Stefanos Tsitsipas und Matteo Berrettini. Der Übergang sei ja längst eingeleitet, obwohl er selbst sich dadurch nicht aufhalten lassen wolle, zum erfolgreichsten Grand-Slam-Einzelsieger aller Zeiten zu werden. Aktuell liegen die Big Three mit je 20 Major-Titeln gleichauf, doch ist Djoković aus diesem Trio der unbestritten jüngste, fitteste und und mit Abstand beste Allround-Performer.

novak-djokovic-french-open-1024x684Djokovic - hier beim French Open Finale - fühlt sich auf jedem Belag wohl.MehrWeniger

Ich weiß nicht, ob Daniil schon die Nummer eins ist oder bald wird“, so der Finalverlierer weiter. „Wir erleben aber einen normalen Prozess. Die Älteren versuchen, sich im Spiel zu halten und so oft wie möglich in der Tenniswelt zu glänzen. Aber die neue Generation, wenn man sie überhaupt so nennen möchte, ist keineswegs neu. Die Jungs sind alle etabliert.“

„Ich weiß nicht, ob Daniil schon die Nummer eins ist oder bald wird. Wir erleben aber einen normalen Prozess.“
– Djokovic hat sich bereits darauf eingestellt, das Zepter abzugeben.

Kein Superstar-Profil

Auf den gemeinen Fan wirkt Medvedev jedenfalls nicht wie der logische Kandidat, Djoković vom Tennisthron zu stoßen. In seinem Erscheinungsbild gibt der Superstar aus Belgrad den Prototyp eines Champions ab. Der schlaksige Moskauer mit bereits ausgedünntem, schwindenden Haar kommt hingegen optisch eher wie ein Biomechanik-Student rüber. Auch mit dem Off-Court-Stil eines stets gestriegelten Roger Federer und dessen geschmeidige Eleganz auf dem Platz kommt Medvedev nicht mit.

TennisVielmehr könnte man ihn als gewieften Champion eines lokalen Klubs als den eines Grand-Slam-Turniers empfinden. Der 1,98-Meter-Riese steht beim Return aufrecht und hält seinen Schläger fast senkrecht dicht an der Brust. Bei den ansatzlosen Vorhand-Granaten ist der rechte Arm auf eigenartiger Weise gebogen, der Oberarm nahe am Körper.

Kurios sind auch seine nicht vorhandenen Service-Routinen. Diese werden typischerweise mit ähnlicher Gewissenhaftigkeit vollzogen wie Piloten ihren Instrumentencheck vor dem Flug. Die aufwendigen Rituale, das unendliche Aufschlagen des Balls am Boden, die ewig lange Pause vor dem Aufwurf – für Medvedev bedeutungslos. Er stellt sich zur Grundlinie, lässt den Ball ein- oder zweimal oder gar nicht aufspringen, wirft schnell auf und prügelt den Ball in einer kurzen, geradezu brutalen Bewegung vom Racket.

Tragsäule Service, taktische Finesse

Die raue Spielanlage gibt ihm keine Stilpunkte, aber jede Menge auf dem Scoreboard. Der fast schlampige Aufschlag trug Medvedev am Sonntag durch das gesamte Finale. Selbst wenn Djoković unter der Last der historischen Chance nicht zu seinem gewohnten Level fand, schmetterte ihm sein Gegenüber in nur drei Sätzen 16 Asse um die Ohren. Auch mit dem zweiten Service vermochte die Nummer zwei der Setzliste überragende 58 Prozent der Punkte gegen den wohl besten Returnspieler der Welt zu gewinnen. „Er hat nicht nur die Asse sehr gut platziert“, musste der Unterlegene nach dem Match anerkennen.

Taktisch und strategisch geht Medvedev ebenfalls als Original durch. Beim Return steht er gerne sechs, sieben Meter hinter der Grundlinie und verwirrt mit dieser Rückschlagposition die meisten Kontrahenten – sofern ihm der Court den Raum bietet. Mit zu wenig Auslauf war er jedoch eher bei seinem Weg nach oben auf kleineren Tennisbühnen konfrontiert. „Ich habe mich dadurch diskriminiert gefühlt“, so der 13-fache Turniersieger.

„Ich habe mich dadurch diskriminiert gefühlt.“
– Kleinere Tennisplätze bieten Medvedev nicht den Raum, den er für sein Spiel benötigt.

Zverev in diesem Jahr gereift

Die weiteren Thronanwärter Zverev, Tsitsipas und Berrettini könnte man in Vergleich zu Medvedev als konventionellere Spieler bezeichnen. Deutschlands Nummer eins machte im vergangenen Jahr mit dem Finaleinzug in Flushing Meadows einen großen Schritt, zwei Punkte fehlten gegen Dominic Thiem auf den Titel. Nach seinem Sieg im olympischen Semifinale von Tokio, in dem er gegen Novak Djoković Satz- und Breakrückstand drehte, zählte der Goldmedaillengewinner im Zeichen der Ringe auch in New York zu den Topkandidaten auf den Turniersieg.

zverev-vs-djokovicDjoković hat über Zverev nur Gutes zu sagen.MehrWeniger

Frei von exzentrischen Auswüchsen, nützt Zverev vor allem die Körpergröße zu seinem Vorteil. Selbst mit 1,98 Metern ist der Hamburger sehr beweglich und kann die meisten Gegner von der Grundlinie unter Druck setzen. In seinen lange Zeit labilen Brachialaufschlag schaffte er es, in diesem Jahr mehr Beständigkeit hineinzubringen. „Wenn er dir erst einmal ein Service abnimmt, ist es gegen Sascha sehr schwer, zurückzukommen“, erklärte Djoković nach seinem Fünfsatz-Halbfinalerfolg gegen den Weltranglistenvierten. „Er schlägt irrsinnig stark und präzise aus.“

„Wenn er dir erst einmal ein Service abnimmt, ist es gegen Sascha sehr schwer, zurückzukommen.“
– Djoković über Sascha Zverev.

Tsitsipas verspielt Sympathien

Der im ATP-Ranking eine Position vor Zverev gereihte Tsitsipas hatte bis zu diesem Jahr bei Grand Slams wenig Glück. Im Showdown von Roland Garros sah er aber schon wie der sichere Sieger aus, ehe Djoković mit frischeren Beinen als am letzten Sonntag nach einem 0:2-Satzrückstand zurückschlug.

Tsitsipas, beim US Open vom spanischen Kometen Carlos Alcaraz eliminiert, galt mit seiner charismatischen Persönlichkeit als Sympathieträger in der Szene, verärgerte zuletzt mit seinen ausgedehnten Toilettenpausen aber Fans und Gegner gleichermaßen. Der Grieche, der zudem mit seiner kritischen Haltung zur Corona-Impfung für Unverständnis sorgte, wird auch von einigen Kollegen wie etwa Zverev beschuldigt, die strengen Coaching-Regeln während dieser Abwesenheiten vom Court zu brechen.

Toilettenpausen aus taktischen Gründen? Spieler wie Andy Murray (hier in einer Pressekonferenz bei den US Open) äußern ihren Unmut über Tsitsipas.


Titel als Boost für das Selbstvertrauen

Und dann wäre da noch Wimbledon-Finalist Berrettini, doch unterstrich Medvedev am Sonntag, der unumstrittene Frontman dieser Gruppe zu sein. Einerseits konnte nur er aus diesem Quartett einen Major-Titel einfahren. Zum anderen unterscheidet ihn, dass er in der Lage war, einen Kalender-Slam zu verhindern. Womöglich wird dieses Alleinstellungsmerkmal für immer bleiben.

Der US-Open-Triumph dürfte Medvedev einen weiteren Schub verleihen. „Ich habe jemanden geschlagen, der eine Bilanz von 27:0 bei Grand Slams in diesem Jahr hatte. Ich habe in Australien gegen ihn verloren und diesmal wollte er Geschichte schreiben. Zu wissen, dass ich ihn gestoppt habe, macht den Erfolg nur noch süßer und gibt mir Selbstvertrauen für die Zukunft auf Hardcourts. Auf den anderen Belägen werden wir sehen.“ Medvedev klingt jedenfalls wie ein Mann mit einem Plan.

„Zu wissen, dass ich ihn gestoppt habe, macht den Erfolg nur noch süßer.“
– Medvedev über die Tatsache, dass er Djokovic daran hindern konnte, Geschichte zu schreiben.

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Autor: Tobi
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