Druck der Öffentlichkeit: Sie wollen doch nur spielen

tobi-redaktionTobi
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Junge Grand-Slam-Champions sehen sich schnell mit hohen öffentlichen Erwartungshaltungen konfrontiert, vor allem im ausgeglichenen Damenfeld. Sollten aber nicht eher die auf großer Bühne erbrachten Leistungen gewürdigt werden, statt unmittelbare Wiederholungen dieser Erfolge einzufordern? Eine Einordnung.

Plötzlich im Fokus

„Ich bin 18 Jahre alt.“ Mit diesem Hinweis musste Emma Raducanu ihre Auftakt-Niederlage gegen die Nummer 100 der Welt Aliakasandra Sasnovich in Indian Wells rechtfertigen. „Ich darf mit mir selbst nicht so streng sein.“ Weise Worte, die in der Überschwänglichkeit ihres US-Open-Triumphes von den Medien oft ignoriert werden.


Raducanu schickt Grüße aus dem Wüstenort in Arizona.

Die Britin hat nicht nur erst vor einem knappen Jahr die gesetzliche Volljährigkeit erreicht, sondern auch nur eine Handvoll Turniere auf der WTA-Tour bestritten. Derzeit befindet sie sich ganz nebenbei auf der Suche nach einem Vollzeit-Coach.

Ihr Titelgewinn in New York stellt in vielerlei Hinsicht eine fast märchenhafte Sternstunde dar. Raducanu startete als 150. der Weltrangliste ins finale Saison-Major und krönte sich in der vor 53 Jahren eingeläuteten Open Era zur ersten Qualifikantin, die das Turnier gewinnen konnte.

13 Siegerinnen bei 18 Majors

Raducanus Siegeszug könnte als logische nächste Stufe eines langjährigen Trends gedeutet werden, der bei den Damenbewerben der Grand-Slam-Veranmstaltungen eine ganze Reihe an jungen überraschenden Champions hervorgebracht hat.

infoJelena Ostapenko machte bei den French Open 2017 als ungesetzte 20-Jährige den Anfang, es folgten Sloane Stephens, Naomi Ōsaka, Bianca Andreescu, Sofia Kenin, Iga Świątek, Barbora Krejčíková und zuletzt eben Raducanu. Selbst Ashleigh Bartys erster Major-Triumph in Paris 2019 verblüffte auf dem ungeliebten, roten Sandbelag.

Seit Serena Williams ihr letztes Grand-Slam-Turnier bei den Australian Open 2017 gewann, gab es bei 18 Majors 13 verschiedene Siegerinnen. Schnell wurden sie in der Presse zu neuen Stars gehyped, was in Anbetracht der Bedeutung dieser vier größten Tennis-Events für den Sport wenig verwundert, zumal die Spitzenspieler den Fokus immer mehr auf die Highlights legen.

Überbordende Erwartungen

Wenn sich eine junge Akteurin auf der größten Tennisbühne über sieben Matches gegen die hochgereihte und topmotivierte Konkurrenz durchsetzt, erscheint es naheliegend, dass sie einen derartigen Run wiederholen kann und in den Medien sofort als „The Next Big Thing“ bezeichnet wird, wie die Angelsachsen so trefflich formulieren.

Naomi Osaka

Naomi Osaka

Doch wirft man einen genaueren Blick auf die Liste der erwähnten Premierengewinnerinnen der letzten Jahre, erfüllen die Hoffnungsträger nicht immer die öffentlichen Erwartungen. Die Karrieren dieser Champions entwickelten sich höchst unterschiedlich. Ōsaka holte drei weitere Grand Slams, Barty legte in Wimbledon einen Major-Titel – auf dem „richtigen“ Untergrund – nach.

Stephens und Kenin erreichten jeweils ein weiteres Finale, haben aktuell aber Formprobleme. Andreescu ringt oft mit Verletzungen, zeigt zwischendurch allerdings auch, dass ihr US-Open-Sieg 2019 kein Zufall war. Świątek stellte in diesem Jahr zumindest so viel Konstanz unter Beweis, dass sie bei allen vier Grand Slams ins Achtelfinale vordrang, von einem zweiten Titel war sie aber relativ weit entfernt.

Serena Williams letzte Dominatorin

Als Strohfeuer erwies sich keine dieser Protagonistinnen. Doch keine dominiert wie einst Serena Williams über mehrere Jahre. Selbst Ōsaka, die auf Hardcourt phasenweise eine Macht ist, konnte auf Asche und Rasen nie wirklich reüssieren.

steffi graf

Tennis-Ikone Steffi Graf

Historisch betrachtet gab es in jeder Epoche meist nur jeweils ein bis zwei die Szene beherrschende Stars, wie Chris Evert und Martina Navratilova, Steffi Graf und Monica Seles oder Venus, Serena und Justin Henin. Als diese Ikonen am Zenit ihres Schaffens agierten, war es für andere Spielerinnen praktisch unmöglich, aus dem Nichts ein Grand Slam zu gewinnen.

Seit Serenas vielleicht letztem Hurra 2017 erzeugte keine Proette mehr eine ähnliche Dominanz und Strahlkraft. Ōsaka hätte auf Hartplatz die dafür notwendigen Mittel, in Wimbledon und Roland Garros fehlen ihr aber just diese Waffen. Barty ist zweifellos eine verdiente Nummer eins und wird vermutlich weitere Majors gewinnen, doch kann sie an einem schlechten Tag auch gegen jede Spielerin verlieren.

Ständige Suche nach Erklärungen

Insofern sollte die Tenniswelt ihre Erwartungen an junge Champions dementsprechend ausrichten und deren Leistungen als das würdigen und schätzen, was sie de facto sind: mitreißende zwei Wochen auf Weltklasse-Niveau, die uns darin erinnern, dass im Tennis wie im Leben vieles möglich ist. Brillante Darbietungen verdienen Anerkennung. Gleichzeitig muss auch akzeptiert werden, dass Sensationssiegerinnen Sternstunden nicht immer wiederholen.

tennis-wetten-icon-microsoft-64x64.pngSelbst wenn Ostapenko nie wieder ein Major gewinnt, wird diese letzte krachende Rückhand entlang der Linie, die ihr den French-Open-Titel 2017 bescherte, einer der unglaublichsten Schläge der jüngere Tennisgeschichte bleiben. Und diesen elektisierenden Augenblick kann ihr – und uns – niemand mehr wegnehmen.

Sobald ein Champion unvermeidlich wieder auf den Boden fällt, sollte man nicht unmittelbar die Frage aufwerfen, was passiert ist oder automatisch daraus schließen, dass die Spielerin ihr Potenzial nicht ausschöpft. Wenn Raducanu beispielsweise die Auftaktrunde der Australian Open im Januar nicht übersteht, ist es nur allzu leicht vorstellbar, dass ihr nachgesagt wird, wie ihr der Ruhm zu Kopf gestiegen sei, sie doch nicht dem Druck standhalten könne oder sie irgendwo auf dem Weg nach oben falsch abgebogen sei.

Magic Moments statt prägende Ära

Tatsächlich versucht die junge Engländerin nach einem unfassbaren, magischen Ritt durch New York lediglich ihren Platz auf der beinharten Profitour zu finden – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

hinweis ausrufezeichenTennis lebt von diesen Sensationen samt ihrer unvergesslichen Momente für die Ewigkeit. Wie eben Ostapenkos mörderischer Backhand von Paris. Oder Stephens’ offener Kinnlade beim Anblick des Siegerschecks in Flushing Meadows. Ōsakas und Andreescus Nervenschlachten gegen Serena. Kenins fünf aufeinanderfolgender Winner zur Besiegelung ihres Melbourne-Triumphes. Oder Świąteks Hinwegfegen über die Konkurrenz in Roland Garros und Krejčíková Überlistung selbiger.

Von den US Open 2021 wird Raducanus Perfektion ihrer Schlichtheit in Erinnerung bleiben. Oder wie Leylah Fernandez eine Gesetzte nach der anderen zermürbte. Solche Augenblicke gilt es zu genießen. Was sie für die Zukunft bedeuten, ist hingegen nebensächlich. Wenn diese Spielerinnen in Bestform agieren, darf gewürdigt werden, was sie dem Sport und ihren Fans geben. Und wenn das Niveau vorübergehend nachlässt, sollte man auch nicht so streng sein, wie Raducanu sagt.

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Autor: Tobi
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