Andy Murray: Lendls dritter Akt

tobi-redaktionTobi
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Weil er seinen hohen Ansprüchen nicht konstant genug gerecht wird, vertraut sich Andy Murray ein drittes Mal den Coaching-Künsten von Ivan Lendl an. Während der ersten beiden Amtszeiten des achtfachen Grand-Slam-Champions feierte der Schotte seine größten Erfolge. Was ist von der dritten Trainer-Ära des mürrischen Tschechen zu erwarten?

Überraschender, aber logischer Schritt

Andy Murrays Entscheidung, ein drittes Mal ein Arbeitsverhältnis mit Ivan Lendl einzugehen, kam für die Szene-Beobachter völlig überraschend. Doch blickt man aber auf die gemeinsame Vergangenheit zurück, erscheint die Wahl des neuen Coaches durchaus logisch, versucht der 34-Jährige doch seit geraumer Zeit verbissen an frühere Erfolge anzuknüpfen.

infoMurray zeigt sich nach wie vor davon überzeugt, mehr Konstanz auf hohem Niveau in sein Spiel bringen zu können. Unter Lendls Ägide wies der Schotte gleich zweimal jene nun angesteuerte Stabilität auf, wie ein Blick zurück auf die ersten beiden Ären des gebürtigen Tschechen als Murray-Trainer unterstreicht.

Und welchen Einfluss kann der 62-Jährige in einer dritten Amtszeit auf den 2017 wegen seiner Verdienste im Tennissport und in der Wohltätigkeit zum jüngsten Ritter des britischen Empires geschlagenen Verteidigungskünstlers ausüben?

Vergangenheit und Zukunft: Von der 1. bis zur aktuellen Ära

  1. Teil I – 2011 bis 2014: Zwei Grand-Slam-Titel, Olympisches Gold
  2. Teil II – 2016 bis 2017: Wimbledon- und Olympia-Revival, Nummer eins der Welt
  3. Teil III – 2022 bis ?: Veränderte Landkarte, Feintuning des Mindsets

Teil I – 2011 bis 2014: Zwei Grand-Slam-Titel, Olympisches Gold

In der Hoffnung, ihn in ähnliche Sphären zu führen, die er einst selbst erreicht hatte, nahm Murray die ehemalige Nummer eins der Welt erstmals im Dezember 2011 unter Vertrag. Lendl hatte seine ersten vier Major-Finals verloren, ehe er in 15 weitere Grand-Slam-Endspiele vorstieß, von denen er acht gewann.

Murray war zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls in seinen ersten drei Finals auf höchster Turnierebene gescheitert, in Wimbledon 2012 wurde er in einem vierten aufeinanderfolgenden Showdown niedergerungen.

Und genau an diesem Punkt setzte Lendl an: Im Anschluss an die tränenreiche Ansprache am Centre Court des All England Clubs, nachdem sich Murray Roger Federer in vier Sätzen hatte beugen müssen, trichterte ihm „Ivan der Schreckliche“ ein, stolz auf seine Leistung zu sein. Der wusste schließlich, wie es geht, war er ja nach der eigenen Pleiteserie in großen Finals zum physisch wie psychisch stärksten Spieler auf der Tour avanciert.

andy-murray-21-09-2021-metzAndy Murray - hier ein aktuelles Foto von den ATP250 Moselle Open im September 2021 in Metz.MehrWeniger

Schotte beendet britisches Trauma

Nur drei Wochen nach den All England Championships kehrte Murray an die Londoner Church Road zurück. Vom Heimpublikum getragen, servierte er Federer im Gold-Match diesmal gnadenlos ab und sicherte sich den ersten großen Titel seiner Karriere.

US OpenIm Spätsommer des selben Jahres durfte der Olympiasieger endlich seinen ersten Grand-Slam-Triumph feiern. Bei den US Open agierte Murray vor allem von der Grundlinie auffallend aggressiver, im Finale zwang er Novak Djoković in die Knie.

Der Knoten war endlich gelöst. Dies machte sich im darauffolgenden Jahr auch in Wimbledon bemerkbar, wo der Junge aus Dunblane in der Titelentscheidung abermals Djoković bezwang und ein 77 Jahre anhaltendes nationales Trauma beendete. Der letzte britische Sieger vor Murray im Herren-Einzel von Wimbledon war Fred Perry 1936 gewesen.

Teil II – 2016 bis 2017: Wimbledon- und Olympia-Revival, Nummer eins der Welt

2014 trennten sich wieder die Wege von Spieler und Trainer, der Erfolg hielt aber an – zumindest teilweise. Mit Großbritannien holte Murray den Davis Cup 2015, doch verlor er auch drei weitere Grand-Slam-Finals in Melbourne 2015 und 2016 sowie in Paris 2016. Die ernüchternde Bilanz bei Major-Endspielen verschlechterte sich auf 2:7.

achtung hinweis iconAlso schien nichts naheliegender, als Ivan Lendl zurückzuholen. Und der Coup ging tatsächlich unmittelbar auf. Schon im Juni 2016 reihte sich nach einem Finalsieg über Milos Raonic ein zweiter Wimbledon-Titel in die Meritenliste hinzu.

Vor allem in der zweite Saisonhälfte spielte Murray entfesselt. Im olympischen Tennisfinale von Rio de Janeiro schlug er Juan Martín del Potro und wurde ein zweites Mal mit Gold dekoriert, danach siegte er in Cincinnati, Peking, Wien, Paris-Bercy und bei den ATP Finals in London, wo er nach dem Sieg über Novak Djoković eben diesen als Weltranglistenersten ablöste.

Nach dem Sieg im Finalspiel der ATP Finals über Djokovic übernahm Murray den Platz als Nummer 1 der Welt.


Teil III – 2022 bis ?: Veränderte Landkarte, Feintuning des Mindsets

Auch wenn die jüngsten Versuche der Zusammenarbeit mit Esteban Carril und Jan De Witt wenig gefruchtet hatten, kam die mittlerweile dritte Partnerschaft von Murray und Lendl irgendwie aus heiterem Himmel. Die Voraussetzungen sind diesmal aber völlig anders gelagert. Zuvor konnte die permanent ernst blickende Tennislegende mit einem topfitten, stets seine Grenzen auslotenden Athleten arbeiten, den er zu einem Grand-Slam-Champion formte.

Inzwischen wurde Murray mittels kompliziertem chirurgischen Eingriff eine Metallhüfte eingesetzt. Was die aktuelle Nummer 88 der Welt, die in dieser Woche beim Masters-Event in Indian Wells nur Dank einer Wildcard antreten darf, seither mit dem dem künstlichen Gelenk auf dem Court leistet, kann zweifellos als kleines Wunder kategorisiert werden.


Murray postete damals Bilder aus dem Krankenhaus.

Strategische Planung gefragt

Doch ist der 46-fache Toursieger, der in seiner Karriere über 42 Millionen Preisgeld-Dollar eingespielt hat und seine Turniereinnahmen 2022 zum Wohle ukrainischer Kinder spenden will, ein verbissener Perfektionist, der sich trotz einiger prestigeträchtiger Siege über Topleute im vergangenen Jahr auch frustriert zeigen kann, die an sich selbst gestellten Ansprüche nicht über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten zu können.

Tennis Wetten IconLendl, der gegen Ende seiner aktiven Laufbahn ebenso von Verletzungen geplagt worden war, weiß ganz genau, was sein Schützling durchmacht und wird ihm diesen inneren Glauben einzuimpfen versuchen, der Murray lange Jahre auszeichnete. Strategisch kann dem Gespann ohnehin kaum jemand das Wasser reichen.

Die Fokus-Findung und ideale Mischung in der Planung abseits der Wettkampfarenen wird aber einen elementaren Baustein bilden, wie etwa die Auswahl jener Turniere, bei denen Murray die besten Chancen auf ein befriedigendes Abschneiden hat.

Ein letztes Hurra?

Die Spielanlage wird der Rechtshänder nur zwei Monate vor seinem 35. Geburtstag wohl kaum mehr ändern, doch die Rückkehr zu Lendl bedeutet, mit jemandem zu arbeiten, dem er vertraut. Für den Coach, der in seinen 17 Profijahren 94 Turniersiege holte, stellt das Engagement ebenso ein Risiko dar, sind die Aussichten auf einen in der Öffentlichkeit wahrnehmbaren Erfolg doch bei weitem geringer als während seiner ersten zwei Amtszeiten.

Doch allein die Tatsache, dass eine Ikone des Sports, die mit all ihren Errungenschaften, dem großen Wohlstand und ohne jegliche Notwendigkeit, je wieder arbeiten zu müssen, bereit ist, sich ihm anzunehmen, sollte Murray einen enormen Schub geben. Womöglich wäre ja Wimbledon mit den tendenziell kurzen Ballwechseln, schnellen Matches und freien Tagen zwischen den Partien der ideale Tatort für einen letzten großen Wurf.

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Autor: Tobi
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