Daniil Medvedev – Vom Anwärter zum Champion?

tobi-autor-portraitTobi
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Vor dem am 30. August beginnenden, finalen Major des Jahres hat sich Daniil Medvedev als erster Herausforderer von Novak Djoković in Stellung gebracht. Doch ist der Russe emotional gerüstet, den historischen Grand-Slam-Run des Weltranglistenersten tatsächlich zu stoppen, der in New York sein diesjähriges Debüt beim nordamerikanischen Hardcourt-Swing gibt?

Djoković und Nadal ohne Matchpraxis, Federer out

Zwar beginnt das US Open erst in knapp zwei Wochen, doch schon jetzt weiß man, dass die Big Three Novak Djoković, Rafael Nadal und Roger Federer in diesem Jahr bis dahin zusammen nur zwei Matches auf nordamerikanischen Hartplätzen gespielt haben werden: Nadal zwei, Djokovć null und Federer ebenfalls null. Denn beim gerade laufenden Masters-Event in Cincinnati fehlt das herausragende Trio der letzten eineinhalb Dekaden.

Der Schweizer muss aufgrund seiner am Sonntag angekündigten Knieoperation in Flushing Meadows sogar monatelang pausieren, falls er überhaupt noch einmal auf die Tour zurückkehren kann.


Auf Instagram gibt Federer ein Update zu seiner anstehenden Operation.

Facettenreiches Schlagrepertoire

Umso größer stellt sich die Zahl der echten Herausforderer in Flushing Meadows dar. Als einer der Mitfavoriten wurde Daniil Medvedev zwar schon im Vorfeld gehandelt, seit seiner imposanten Vorstellung beim National Bank Open in Toronto gilt er aber als absoluter Titelanwärter.

hinweis ausrufezeichenAuf dem Weg zu seinem vierten ATP1000-Titel trug der Russe in Kanada sein gesamtes, überaus facettenreiches Schwungarsenal zur Schau: Mit der Rückhand, ob hart und flach, mit einem Hauch von Topspin, aus komfortabler Position oder aus vollem Lauf, produziert er so gut wie keine Fehler. Die auf Sand so labile Vorhand setzte der 25-Jährige auf dem schnellen Belag der kanadischen Finanzmetropole stets wohl überlegt und dennoch immens kraftvoll ein.

Die Highlights aus dem Finale beim National Bank Open in Toronto.

Taktische Genieblitze

Und wie man es bereits von Medvedev gewohnt ist, überlistet er seine Gegner mit Schlagspezialitäten, deren unorthodoxe Technik direkt aus dem örtlichen Park zu stammen scheinen, so etwa der mit extremem Sidespin versehene Backhand-Volley. Der Moskauer hat sich unter jenen seltenen Filzball-Stilisten etabliert, die das Vermögen besitzen, hässliche Shots schön aussehen zu lassen.

Doch was fehlt dem zwölfmaligen Turniersieger nun, ein Major zu gewinnen? Bislang erreichte der Taktikfuchs zwei Finals auf Grand-Slam-Ebene. In seinem märchenhaften Spätsommer 2019 stieß er nach den verlorenen Showdowns von Washington und Montreal sowie dem Titel in Cincinnati ins Endspiel der US Open vor. Mit dem Rücken zur Wand, glich er gegen Rafael Nadal noch einen 0:2-Satzrückstand auf, ehe er sich doch mit 4:6 im entscheidenden fünften Durchgang geschlagen geben musste. Im vergangenen Februar beendete Novak Djoković im Finale des Australian Open Medvedevs Lauf von 20 Matchsiegen in Folge auf relativ humorlose Art.

Unterschiedliche Finalerfahrungen

Die Niederlage gegen Nadal ist als eine der denkwürdigen Schlachten der jüngeren Tennisgeschichte einzuordnen, u.a. wegen auch wegen der unerwarteten Eroberung des New Yorker Publikums, nachdem er in den Runden zuvor noch dessen Wut auf sich gezogenen hatte.

Das verlorene Melbourne-Finale dürfte Medvedev deutlich mehr zu schaffen gemacht haben. Von den vier vorangegangenen Duellen mit dem Weltranglistenersten hatte er schließlich drei gewonnen, deshalb war man auch von einer engeren Partie ausgegangen. Doch letztlich stellt die Rod Laver Arena in Melbourne für Djoković das dar, was der Court Philippe-Chatrier in Roland Garros für Nadal ist: ein Wohnzimmer.

Bei den Australian Open 2021 unterlag Medvedev im Finale gegen Novak Djokovic.

Scharfsinnige Match-Analysen

Wie Medvedev nach der Niederlage in Australien die beiden Finals miteinander verglich, legt seine scharfen analytischen Fähigkeiten offen. „Sie spielen völlig unterschiedlich“, gab der Weltranglistenzweite damals zu Protokoll. „Der eine ist ein Lefty, der andere Rechtshänder. Rafa gibt dir Zeit zum Nachdenken, andererseits hat er irre Defensivqualitäten. Und seine Vorhand ist unfassbar. Du glaubst schon, den Punkt gewonnen zu haben, ehe plötzlich ein verrückter Schlag dahergeflogen kommt. Aber man kann sich im Verlauf eines Matches auf sein Spiel besser einstellen.“

„Sie spielen völlig unterschiedlich. Der eine ist ein Lefty, der andere Rechtshänder. Rafa […] hat irre Defensivqualitäten. Und seine Vorhand ist unfassbar. [Djokovic] hat mir keine Zeit gegeben und aus allen heiklen Situationen einen Vorteil für sich generiert.“
– Medvedev über die unterschiedlichen Spielweisen seiner Kontrahenten.

Der Schlachtplan gegen Djoković sei hingegen anders ausgelegt gewesen. „Ich wollte mehr variieren. Aber er hat mir keine Zeit gegeben und aus allen heiklen Situationen einen Vorteil für sich generiert.“

Daniil-Medvedev-1024x683Auf dem Hardcourt hat sich Daniil Medvedev zum absoluten Titelanwärter gemausert.MehrWeniger

Reserven auf mentaler Ebene

Zur eigentlichen Herausforderung für Medvedev könnte aber die emotionale Komponente werden. Bei seinem etwas verkrampften, über drei harte Sätze ausgetragenen Auftaktmatch in Toronto gegen den ebenso aufmüpfigen Aufsteiger Alexander Bublik, musste er eingestehen, noch nicht das gewünschte mentale Niveau erreicht zu haben. „Psychisch bin ich alles andere als perfekt, andererseits aber 50-mal weiter als noch vor ein paar Jahren. Dennoch muss ich mich verbessern, verbessern, verbessern.“

Mehr als fast jeder andere Spieler auf der Tour beschäftigt sich Medvedev mit seinen Gegnern, versucht sie zu durchschauen und sie aus ihrem Rhythmus zu bringen. Genau wegen dieser Qualitäten fesselt der 1,98-Meter-Schlaks das Publikum mit seinem Spiel so sehr. „Wenn ich gegen jemanden nicht gerne spiele und weiß, dass es für den Kopf mühsam wird, denke ich mir: Naja, ich spiele zwar nicht gerne gegen ihn. Aber was soll ich tun. Ich muss etwas finden, was ich besser mache.“ Just in solchen Matches agiert der Wahl-Monegasse fast wie ein Panzerknacker, der nervös am Ziffernrad dreht, bis er die richtige Kombination findet, um den Tresor aufzubrechen.

„Ich muss etwas finden, was ich besser mache.“
– Medvedev sucht bei jedem Gegner nach der Schwachstelle.

In der Turnierwoche in Kanada wurde Medvedev jedenfalls kaum von derartigen Dämonen verfolgt. Doch darf man beim US Open ebenso fasziniert wie gespannt sein, wie er im kräfteraubenden Best-of-Five-Format eines Grand-Slam-Turniers dem zunehmenden Druck, der höheren öffentlichen Erwartungshaltung sowie übermotivierten Kontrahenten Runde für Runde versucht, die knifflige Wandlung vom Anwärter zum Champion zu vollziehen.

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Autor: Tobi
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