Historische Lücke in Miami

tobi-autor-portraitTobi
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Durch die Abwesenheit von Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djoković reißt in Miami eine historische Serie. Daniil Medvedev könnte nun beim ersten Masters-Turnier des Jahres seinem Traum vom Tennisthron ein gutes Stück näherrücken. Das Fehlen der Big Three eröffnet aber auch Sascha Zverev ungeahnte Möglichkeiten.

Ewige Diskussion um Wachablöse

dominic thiem

Dominic Thiem durchbrach die Serie der Big Three.

Seit Jahren gibt es kein Grand-Slam-Turnier, bei dem nicht im Vorfeld über eine etwaige Ablöse der Big Three spekuliert wird. Die Diskussion scheint auch nicht ganz unbegründet zu sein: Immerhin finden sich seit dem Jahr 2006 neben Novak Djoković, Rafael Nadal und Roger Federer mit Andy Murray, Marin Čilić, Juan Martín del Potro und Dominic Thiem nur vier weitere Namen in den Siegerlisten.

Von den letzten 16 Majors gelang es gar nur dem Österreicher bei den US Open 2020, die Serie der drei Szene-Dominatoren zu durchbrechen. Und Thiems Triumph in Flushing Meadows wurde von Kritikern sogleich mit einem Sternchen versehen: Denn Federer fehlte verletzungsbedingt, Nadal verzichtete aufgrund der prekären Gesundheitslage in New York auf ein Antreten, Djoković wurde nach einem unbeherrschten Moment im Viertelfinale disqualifiziert.

95 von 138 Masters-Titel an Big Three

Auf nächsthöherer Turnierebene drückt sich die Vormachtstellung der Aushängeschilder des Sports ähnlich deutlich aus. Unglaubliche 36 Masters-Titel feierte Novak Djoković bisher in seiner Karriere, Rafael Nadal hält bei 35, Roger Federers verbuchte 28 Turniersiege der Kategorie ATP1000. Bei den am Mittwoch beginnenden Miami Open wird jedoch kein weiterer Triumph einer dieser Herren hinzukommen. Erstmals seit dem 1000er-Event von Paris-Bercy im Spätherbst 2004 sagten alle drei Superstars ihre Teilnahme am Masters-Turnier in Florida ab.

In über 16 Jahren fanden seither 138 Veranstaltungen der Masters-Kategorie statt, unglaubliche 95 davon gewannen entweder der Schweizer, der Spanier oder der Serbe. Zwar nahm die Erfolgsquote in den vergangenen fünf Saisonen etwas ab, dennoch gingen 22 der 39 Titel dieser Turnierserie seit 2016 auf ihr Konto. Eine Ursache liegt wohl auch darin begründet, dass zumindest einer der Großen Drei in diesem Zeitraum den Events fernblieb.

nadal-djokovic-federerErstmals seit über 16 Jahren: Ein Masters Turnier ohne Nadal, Djokovic oder Federer.MehrWeniger

Absagen der Superstars häufen sich

Und in Anbetracht des Alters der Protagonisten dürften sich ihre Abwesenheiten in Zukunft häufen. Der 39-jährige Federer hat in den letzten 14 Monaten nur zwei Matches auf der ATP-Tour bestritten und zieht nach seinem Kurz-Comeback in Doha die Rückkehr auf den Trainingsplatz einer Titelverteidigung in Miami vor. Der fünf Jahre jüngere Rafael Nadal kämpft seit Beginn des Jahres mit anhaltenden Rückenproblemen, die ihn bereits zu Absagen der Events vor und nach den Australian Open zwangen.

Und der 33 Lenze zählende Djoković, in Melbourne von Bauchmuskel-Problemen geplagt, führt die strengen Reisebeschränkungen und Hygienemaßnahmen als Grund seines Startverzichts an. Zudem hatte der Weltranglistenerste bereits nach seinem 18. Major-Triumph in Down Under erklärt, sich in Zukunft nur noch auf Saison-Highlights fokussieren zu wollen.

Nützt Medvedev die Gelegenheit?

Das ausgedünnte Starterfeld von Miami, in dem mit Dominic Thiem und Matteo Berrettini zwei weitere Top-Ten-Spieler fehlen, bietet vor allem Daniil Medvedev Gelegenheit, seine Anwartschaft auf den Tennisthron zu untermauern. Der Russe mit dem eigenwilligen Spielstil und dem ausgeklügelten taktischen Verständnis ist aus heutiger Sicht der absolute Spitzenkandidat, die Big Three nachhaltig zu stürzen.

Daniil-Medvedev-1024x683Daniil Medvedev gilt als Favorit bei den Miami Open.MehrWeniger

Beeindruckende 20 Matchsiege in Serie hatte der Russe bis zum Australian-Open-Finale gefeiert, zwölf davon gegen Akteure aus den Top Ten. Dass er der überragende Form konservieren konnte, unterstrich der 25-Jährige mit seinem zehnten Turniererfolg in Marseille, was ihn auf Platz zwei der Weltrangliste katapultierte. Damit sprengte Medwedew, der bisher in seiner Karriere auf drei Masters-Triumphe, den Sieg bei den ATP-Finals und auf zwei Grand-Slam-Endspiele verweisen kann, als erster Spieler seit 16 Jahren das Quartett Federer, Nadal, Djoković und Andy Murray auf einem der ersten zwei Positionen im ATP-Ranking.

Mit einem Turniersieg im Sunshine State, wo er bei der letzten Ausgabe 2019 im Achtelfinale scheiterte, wäre der Moskowiter in der Weltrangliste bereits in Schlagdistanz zu Djoković, zumal im Anschluss bei den 1000er-Events von Monte Carlo, Madrid und Rom wieder jede Menge Punkte zu vergeben sind.

Auch Zverev in Topform

Zu einem seiner größten Widersacher auf einen Erfolg in Miami könnte sich Alexander Zverev herauskristallisieren, dessen Leistungskurve ebenfalls steil nach oben deutet. In der vergangenen Woche stürmte der Hamburger nach einem glatten Finalsieg über Stefanos Tsitsipas ohne Satzverlust zum Titel in Acapulco, dem 14. seiner Karriere.

Video: Die Highlights aus dem Finale zwischen Zverev und Tsitsipas.

Und dass sich der Weltranglistensiebte nicht mehr so leicht von Nebengeräuschen aus der Balance bringen lässt, zeigte er nicht nur im Viertelfinalmatch gegen den Schwarzwälder Dominik Koepfer, als ein Erdbeben der Stärke 5,7 nach Richter mitten im Ballwechsel den Court plötzlich durchschüttelte. Wenige Tage zuvor hatte der 23-Jährige von der Geburt seiner Tochter erfahren, Ex-Freundin Branda Pattea will dem Vernehmen nach das Kind allerdings alleine aufziehen.

Aufgrund der Gegebenheiten scheint ein vierter Masters-Titel für Zverev also in absoluter Reichweite zu sein. Denn immerhin vereinen die Big Three 99 der 130 Turniersiege auf 1000er-Niveau unter den aktiven Spielern, nur zwölf weitere gewannen die anderen 31 Veranstaltungen der zweithöchsten Ebene. Und allein Andy Murray, der eine Wildcard für die Miami Open erhält, kann 14 solcher Triumphe für sich beanspruchen.

Williams fehlt ebenfalls

Auch im Damenfeld gibt es übrigens eine prominente Absage. Serena Williams, mit acht Titeln Rekordsiegerin in Miami, musste aufgrund einer Operation im Mundbereich ihre Nennung zurückziehen. Der 23-fache Grand-Slam-Champion hätte beim zweiten WTA1000-Event des Jahres Heimvorteil genossen, lebt Williams doch in Palm Beach, nur eine Autostunde von der Anlage entfernt. Mit Ausnahme der 39-Jährigen sind alle Spielerinnen aus den Top 20 in Florida am Start.

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Autor: Tobi
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