Rafael Nadal: Wie es weitergeht

tobi-redaktionTobi
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Um seine glorreiche Tenniskarriere auf höchstem Niveau fortsetzen zu können, zieht der vom angeborenen Müller-Weiss-Syndrom geplagte Rafael Nadal zwei Therapiemethoden in Erwägung, eventuell sogar ein Operation mit ungewissem Ausgang als dritte Option. Was wir über die Situation des Königs von Paris wissen – und was nicht.

Gegen Ende der Pressekonferenz zum French-Open-Finale wollte einer der Journalisten von Rafael Nadal wissen, wie er bei 1:3-Rückstand im zweiten Satz zurück ins Match gefunden hatte. „Danke! Eine Tennisfrage“, konnte der Spanier ein Lächeln nicht unterdrücken.

nadal australian open

Rafael Nadal

Bis dahin hatten die internationalen Medienvertreter den nunmehr 14-fachen Champion von Roland Garros fast ausschließlich zu jenem Thema befragt, das seine Fans seit Monaten beunruhigt: wie es der chronischen Verletzung im linken Fuß gehe, dem sogenannten Müller-Weiss-Syndrom. Oder seine extreme Behandlungsmethode in Paris, mit einer Lokalbetäubung vor jedem Match. Und was er alles unternehmen wolle, um auf Topniveau konkurrenzfähig zu bleiben.

Der 36-Jährige betonte, dass er bereits gegenüber der spanischen Presse für hundertprozentige Klarheit gesorgt hatte – was freilich nicht ganz richtig war. Denn wie viele Injektionen er in Paris bekommen hatte, wollte Nadal nicht beantworten. Er meinte lediglich, dass seine Zukunft im Tennissport noch immer ungewiss sei.

WAS WIR WISSEN

  1. Betäubungen und ihre Absetzung
  2. Die Risikoentscheidung
  3. Plan A, B und C

1.) Betäubungen und ihre Absetzung

Nadal nannte es selbst „extreme Umstände“, unter denen er bei den French Open spielte. Im Fernehen wählte er zunächst bedächtigere Worte, sprach von einem „schlafenden Fuß“, bevor er direkt zum Punkt kam. Er betrat vor jedem Match in Roland Garros mit einer Lokalanästhesie den Platz: „Wie beim Zahnarzt, wenn du deinen Zahn nicht fühlst.“ Damit ging er einen Schritt weiter als bei den bewährten Kortisonspritzen, die als wirkungsvollste Schmerzunterdrücker in für Spitzensportler in Wettkämpfen mit normalen Verletzungen gelten.

Ich habe nur spielen können, weil diese Injektionen das ganze Gefühl im Fuß wegnehmen“, erklärte er mehrmals. Doch sei diese Methode keine Langzeitlösung. „Es war ein einmaliger Kompromiss, der mir letztlich auch unglaubliche Emotionen verliehen hat.“

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2.) Die Risikoentscheidung

Wie sich Alexander Zverev im Halbfinale gegen Nadal vor Schmerzen im Sand des Philippe-Chatrier wand, nachdem er sich mehrere Bänder im rechten Sprunggelenk gerissen hatte, wird als eine der nachhaltigen Szenen der French Open 2022 in Erinnerung bleiben. Sein Kontrahent wiederum spielte die gesamten 14 Tage von Paris über im Bewusstsein, jederzeit einen derart verhängnisvollen Fehltritt begehen zu können.

Das Risiko, sich den Knöchel zu verdrehen, steigt natürlich, wenn du weniger Gefühl im Fuß hast. Jeder weiß, wie viel mir dieses Turnier bedeutet. Deshalb wollte ich es einfach probieren. Und ich könnte nicht glücklicher sein und kann meinem Arzt nicht genug danken, wie er mir während meiner ganzen Karriere in all den schwierigen Zeiten geholfen hat. Es ist aber auch klar, dass ich in Zukunft nicht mit einem betäubten Fuß spielen kann.“

Zwar wiederholte der mittlerweile 22-malige Grand-Slam-Gewinner, dass die Anästhesie-Therapie, bei der mehrere Injektionen mit entzündungshemmenden Mitteln kombiniert werden, die Verletzung nicht verschlimmern. Das Problem liege viel mehr im fehlenden Gefühl im Fuß, wodurch man eine Überdrehung gar nicht spüren würde.

Es sei auch keine Heldentat gewesen, unter den Umständen anzutreten. „Die mentale Belastung vor jedem Match steigt aber mit all den medizinischen Maßnahmen.“ Und eine Operation ohne Erfolgsgarantie wäre eine Entscheidung, die Auswirkungen auf das zukünftige Leben habe und die nur er allein treffen könne. „Ich kann derzeit nicht sagen, ob es Sinn macht oder nicht.“

Rafael Nadals schwieriger Weg zu seinem 14. French Open-Titel.


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3.) Plan A, B und C

Nadals letzte Worte nach dem Viertelfinalmatch gegen Novak Djokovic ließen befürchten, dass der Mallorquiner, der schon 2020 beinahe aufgehört hätte, in den kommenden Tagen seine Karriere tatsächlich beenden könnte. Kurz danach verdeutlichte der vom Wettkampfgen infizierte Linkshänder, dass er so lange spielen wolle, bis es der Körper nicht mehr zulasse.

Wenn ich weitermache, dann nicht um möglichst viele Rekorde zu brechen, sondern, weil ich Tennis liebe. Ich liebe das, was ich tue. Ich liebe den Wettbewerb und will mir selbst die Chance geben, Augenblicke zu erleben, die für immer in Erinnerung bleiben.“

Um noch ein paar Jahre spielen zu können, verfolgt Nadal einen zweigleisigen Plan. Einerseits will er eine neue Behandlungsmethode an den zwei betroffenen Nerven des linken Fußes ausprobieren, die ihm ohne Injektionen ein Betäubungsgefühl geben würden. Sollte diese Therapie nicht anschlagen, wird eine Laserbehandlung erwogen.

Wenn es klappt, mache ich weiter. Wenn nicht, muss ich mich selbst fragen, ob ich zu einer größeren Operation bereit bin, ohne zu wissen, ob ich nachher noch konkurrenzfähig sein werde und wie lange es dauern würde, bis ich wieder spielen kann. Also gehen wir es Schritt für Schritt an, wie ich es in meiner gesamten Tenniskarriere getan habe.“
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WAS WIR NICHT WISSEN

  1. Die Erfolgsaussichten
  2. Selbst auferlegte Grenzen
  3. Die Zukunft

1.) Die Erfolgsaussichten

Seit seiner schweren Verletzung und dem folgenden chirurgischen Eingriff 2021 ist sich Nadal bewusst, dass die Fortsetzung seiner Laufbahn vom Erfolg der medizinischen Behandlungen abhängig ist. Kann er regelmäßige Injektionen vermeiden, wird er in Wimbledon spielen. Andernfalls wird er sich der Lasertherapie unterziehen.

Sollte aber auch dieser Plan nicht aufgehen und Nadal sich gegen die Operation entscheiden, war sein 92. Titelgewinn in Paris wohl das letzte Turnier, bei dem er je angetreten ist. „Solange ich trotz Verletzung Freude am Tennisspielen habe, mache ich weiter. Sollte dies aber nicht möglich sein, mache ich irgendetwas anderes.“


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2.) Selbst auferlegte Grenzen

Kaum ein Profi hätte vermutlich die Tortur auf sich genommen, wie Rafael Nadal in Roland Garros. Nach seinem Zweitrundenmatch gegen Corentin Moutet habe er sogar kaum gehen können, verrät der Weltranglistenvierte. Und im Anschluss an das Semifinale gegen Sascha Zverev sorgte er mit dem Statement für Schlagzeilen, dass seine Gesundheit wichtiger sei als Tennispokale – selbst wenn er am Finalsonntag keineswegs diesen Eindruck vermittelte.

rafael-nadal-vs-alexander-zverevSascha Zverev erlitt im Halbfinale einen Bänderriss und machte für Nadal den Weg ins Finale frei.MehrWeniger

Eine klare Antwort, wo er die Grenzen seines körperlichen Zustands setze, blieb Nadal schuldig. „Ich will kein Risiko eingehen. Natürlich war Tennis immer die oberste Priorität in meinem Leben, die Karriere stand aber nie über der Freude am Leben“, drückte sich der Stier aus Manacor recht allgemein aus. „Denkt man über die Risiken nach, würde ich nicht spielen. Du musst dich entscheiden und dazu stehen. So habe ich es immer gehandhabt.“

Nadal erinnerte dabei an die French Open 2016, als er mit einem lädierten Handgelenk spielte.

Das Handgelenk hielt nicht, ich musste zurückziehen. Aber habe ich es bereut? Nein. Entscheidung getroffen, Entscheidung gefallen. Wir wussten, dass das Handgelenk in einem sehr schlechten Zustand war, ich habe meinem Ärzteteam aber Druck gemacht. Sie waren anderer Meinung. Doch ich musste entscheiden, ich habe das Risiko in Kauf genommen.“
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3.) Die Zukunft

In der Tenniskarriere des Rafael Nadal folgten jeder Phase des Zweifels und erzwungener Auszeiten beeindruckende Comeback und große Triumphe. So ist er etwa seit seinem Eintritt in die Top Ten noch nie aus diesem elitären Kreis hinausgerutscht, was weder Roger Federer noch Novak Djokovic gelang, als sie über einen längeren Zeitraum verletzt waren.

Dementsprechend hofft Nadal auch, Ende Juni in Wimbledon starten zu können, auch wenn er auf die Frage eines französischen Fernsehjournalisten, ob er nach den Siegen bei den Australian und French Open bereits an den Kalender Slam denke, mit „nein, nein, nein“ antwortete.

Wenn mein Körper dazu bereit ist, spiele ich. Wimbledon ist kein Turnier, das ich verpassen möchte. Niemand will das. Ich liebe Wimbledon. Ich habe dort große Erfolge gefeiert. Für Wimbledon bin ich immer bereit. Wenn man mich aber fragt, ob ich in diesem Jahr in Wimbledon sein werde, kann ich keine Antwort darauf geben. Aber ob ich Wimbledon gewinnen will? Selbstverständlich! Wir werden sehen, wie die Therapien anschlagen.“

Er wäre sogar dazu bereit, unter entzündungshemmenden Medikamenten in London anzutreten, aber nicht mit Betäubungen, verspricht Nadal. „Ich habe schon immer eine positive Einstellung gehabt und erwarte, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln.“ Falls nicht, müsse er halt „irgendetwas anderes“ machen. Was das konkret bedeutet, werden die Nadal-Fans hoffentlich nicht so bald erfahren.

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Autor: Tobi
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