Russische Tennisspieler: Heikle Gratwanderung

tobi-redaktionTobi
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Seit Beginn des Ukraine-Krieges wendet sich auch der Weltsport immer mehr von Russland ab. Im Tennis fehlt hingegen eine einheitliche Linie. Noch dürfen Daniil Medvedev und Co. unter neutraler Flagge um Turniersiege spielen, in Wimbledon will man aber eine öffentliche Distanzierung zum Putin-Regime einfordern. Die betroffenen Sportler selbst wählen ihre Worte jedoch ganz bewusst vorsichtig.

Tour-Teilnahme erlaubt, Ausschluss aus Teambewerben

Seit Ende Februar bemüht sich die internationale Tennisszene in Anbetracht des Krieges in der Ukraine um einen passenden Umgang mit russischen Profis. Eine einheitliche Linie zu finden, scheint aber gerade bei den zahlreichen Interessensvertretungen im Tennissport schwierig.

infoAuf den Touren von WTA und ATP dürfen russische Spieler starten, ohne offiziell die Farben ihres Landes zu repräsentieren. Von Mannschaftsbewerben des Weltverbandes ITF, wie dem Billie Jean King Cup oder dem Davis Cup, ist Russland hingegen ausgeschlossen.

Indessen konnten sich die Veranstalter der vier Grand Slams zwar nach Jahren endlich einigen, bei allen Majors im Entscheidungssatz einen auf zehn Punkte gespielten Tiebreak auszutragen. Eine gemeinsame Lösung in der Russland-Frage ist aber nicht in Sicht. In Wimbledon wird das Thema immerhin zumindest andiskutiert.

Wimbledon fordert Anti-Putin-Bekenntnis

Während aus Frankreich, wo das nächste Grand-Slam-Turnier Ende Mai in Roland Garros stattfindet, noch keine Handlungsschritte gesetzt werden, prescht also der britische Sportminister vor. Man befinde sich in dieser Angelegenheit in intensiven Gesprächen mit dem All England Club, wird Nigel Huddelton in der Times zitiert. „Viele Länder haben beschlossen, keine betreffenden Sportler zu Veranstaltungen zuzulassen. Fände ich es gut, einen russischen Sportler unter russischer Fahne antreten zu lassen? Nein!

„Fände ich es gut, einen russischen Sportler unter russischer Fahne antreten zu lassen? Nein!“
– Der britische Sportminister Nigel Huddelton fordert ein klares Bekenntnis von den Tennis-Profis.

Damit könnten absolute Weltklassespieler wie Daniil Medwedew und Andrey Rublev vom prestigeträchtigsten Turnier im Tenniskalender ausgesperrt bleiben – es sei denn, sie beziehen öffentlich Stellung gegen Vladimir Putin, wie Huddelton fordert. Zwar hätten sich die zwei erwähnten Top-5-Männer bereits gegen den Krieg deklariert, eine klare Distanzierung zum Regime ihres Präsidenten gab es aber bislang nicht.

daniil-medvedev-us-open-1024x683Medvedev steht ebenso wie Landsmann Rublev unter Druck.MehrWeniger

Russland und Belarus weitgehend vom Weltsport isoliert

Die wohl prominenteste Ukrainerin auf der WTA-Tour hofft schon seit Beginn der Invasion auf ein allgemeines Teilnahmeverbot russischer Profis. „Schaut euch doch mal an, was andere Sportarten getan haben“, wiederholte Elina Svitolina dieser Tage beim 1000er-Turnier in Indian Wells. Ihre Familie sucht derzeit im schwer getroffenen Odessa in einem Keller Schutz vor den russischen Angriffen.

Tennis Wetten IconVon der internationalen Sportgemeinschaft sind russische Athleten mittlerweile ebenso weitgehend ausgeschlossen wie Sportler aus dem verbündeten Belarus. Ausnahmen bilden neben Tennis noch Schwimmen, Rad, Biathlon, Judo und Skateboarden. Doch geht die Tendenz auch in diesen Disziplinen in Richtung Startverbot, bei Mannschaftssportarten ist die Situation komplexer.

Viel Symbolik, wenig Substanz

Ob auf der Tennisanlage oder den Klamotten der Profis – beim aktuell laufenden Masters-Turnier in Indian Wells erstrahlt fast alles in Blau-Gelb. Doch just diese gleißende Allgegenwärtigkeit der ukrainischen Nationalfarben erweckt mitunter den Eindruck, dass die Botschaft nicht viel mehr als Symbolik darstellt, die kaum unter die Haut geht.

Statements wie ,No War’ tun einfach nur weh, weil sie überhaupt keine Substanz haben“, merkt etwa die ukrainische Spitzenspielerin Marta Kostyuk an, die um ihre Angehörigen in Kiew bangt.

„Statements wie ,No War’ tun einfach nur weh, weil sie überhaupt keine Substanz haben.“
– Marta Kostyuk

andrey-rublev-dezember-2021-davis-cupIn Indian Wells steht Andrei Rublev gerade im Viertelfinale.MehrWeniger

Angst um Angehörige

So bleibt auch Medvedev, der in jeder Pressekonferenz mit der Lage in der Ukraine konfrontiert wird, in seinen Äußerungen stets wage: „Es ist nicht einfach, diese Nachrichten zu hören. Ich will ja nur meinen Lieblingssport betreiben. Solange ich die Möglichkeit dazu habe, werde ich da draußen für die Fans und natürlich auch für mich selbst spielen“, vergisst der 26-jährige nicht zu betonen, seinem Beruf praktisch als selbständiger Einzelunternehmer nachzugehen.

Ihn oder andere russische Spieler aber gleich als „Putin-Versteher“ zu brandmarken, nur weil sie ihre Regierung nicht offen verurteilen wollen, wäre vermutlich ebenso falsch, wie sich aus der knappen Antwort der in Russland geborenen und aufgewachsenen Australierin Daria Saville auf eine diesbezügliche Journalistenfrage interpretieren lässt: „Ich habe Familie in Moskau.“

„Ich habe Familie in Moskau.“
– Die Australierin Daria Saville bringt die Zerrissenheit vieler Sportler auf den Punk.

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Autor: Tobi
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