Tour-Kalender: Winds of Change

tobi-redaktionTobi
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Rund um die vier Grand Slams, die als Tragsäulen des Welttennis fungieren, bemühen sich ATP und WTA um eine für Profis wie Fans schlüssige Gestaltung des Turnierkalenders. Ein Vergleich der Spielprogramme von vor zehn Jahren und heute zeigt allerdings, dass Realität und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen.

Zum Improvisieren gezwungen

Letzte Woche machten ATP und WTA in Astana bzw. Ostrava Station. Die von Novak Djokovic und Barbora Krejcikova gewonnenen Events zählen zur hohen 500er-Kategorie. Jenes in der kasachischen Hauptstadt stand erstmals am Programm, das in Tschechien erhielt nach nur zwei Jahren ein Upgrade, was auf eine zunehmende Dynamik der beiden Tour-Kalender hindeutet.

infoDas Phänomen hat mehrere Ursachen. So erhalten etwa Regionen durch aufstrebende bzw. schwächelnde Spieler aus den entsprechenden Ländern einen Auftrieb oder Rückschlag, zum anderen drängen Investoren in den Markt, um ein Stück des globalen Kuchens abzubekommen. Aber auch unvorhersehbare Einflüsse, wie die Covid-19-Pandemie, Russlands Angriffskrieg in der Ukraine oder arabischer Ölreichtum können eine Role spielen.

Vision der Testserie für Majors verworfen

Die vier Grand-Slam-Turniere, die seit über einem Jahrhundert in ihrer Grundform bestehen und auch fixe Plätze im Kalender einnehmen, stellen die tragenden Säulen im Welttennis dar. Wesentlich mehr Bewegung ist bei den Tour-Stopps rund um die Majors zu vernehmen.

Vor zehn Jahren schienen sich die Circuits der Damen und Herren zu reinen Aufbauveranstaltungen für die vier Highlights zu entwickeln. Bei der europäischen Sandplatz-Saison, die in den French Open gipfelt, ist dies nach wie vor der Fall. Den übrigen drei Grand Slams fehlte schlicht ein ausreichend großes Zeitfenster, um solch gezielte Vorbereitungsturniere zu lancieren.

Dieser Zugang wird aus einer Reihe anderer Gründen aber ohnehin nicht länger verfolgt, allen voran wegen der ineinander verzahnten Weltmarkterschließung und Profitmaximierung. Zudem rufen Reformer und Öffentlichkeit verstärkt nach kombinierten Events für Damen und Herren sowie neuen Mannschaftsbewerben wie dem Laver Cup.

tennis-ball-schlaegerUmbrüche im Tour-Kalender | Tennis SymbolbildMehrWeniger

Masters-Turniere gefestigt

Vor zehn Jahren sah die Tenniswelt allerdings ganz anders aus: 2012 richtete die ATP neben den unabhängig organisierten Grand Slams 65 Turniere aus, eines mehr als in dieser Saison. Wie heute bildeten die neun Masters-1000-Events die Spitze der dreistufigen, auf 250er-und 500er-Turniere aufgebauten Pyramide. Die Nummern stehen für die bei einem Titelgewinn zu holenden Weltranglistenpunkte.

Die Masters-Events sind längst unantastbar und von den in unteren Kategorien üblichen Feilsch-Geschäften befreit, bei denen Rechte ge- und verkauft werden und Turniere von einer Stadt zur anderen wandern. Seit Pandemie-Beginn finden allerdings nur mehr acht ATP1000er statt, da das Shanghai Masters aufgrund der strengen Covid-19-Bestimmungen in China zum dritten Mal in Folge abgesagt werden musste.

Kleine 250er en vogue

tennis belag

Tennisbeläge

Vor einer Dekade startete die ATP noch mit fünf 250ern und einer gemeinsam mit der WTA veranstalteten Team-Exhibtion, dem Hopman Cup. Alle Turniere gingen innerhalb von zwei Wochen vor den Australian Open in Szene, jenes mit über einer Million Dollar dotierte Event in Doha bildete das mit Abstand lukrativste.

In dieser Saison wurde die Tour mit den wiederbelebten offiziellen Mannschaftsbewerb ATP Cup und einem Preisschild von zehn Millionen Dollar eröffnet. 250er in Sydney, Melbourne und zweimal Adelaide quetschte man in die folgenden zwei Wochen vor dem australischen Happy Slam. Auckland wurde gestrichen, Doha und Chennai in den Februar verlegt.

Nach den Australian Open fehlt aber eine klare Linie. Auf vier verschiedenen Kontinenten gehen kleinere Freiluft- sowie Hallenturniere sowohl auf Hardcourt als auch auf roter Asche in Szene. Die anschließende Sandplatz-Saison in Europa hat sich in den letzten zehn Jahren wiederum kaum verändert.

Rasentennis gewinnt wieder an Gewicht

Ab 2015 wurde entschieden, Wimbledon um eine Woche nach hinten zu verschieben, was massive Auswirkungen auf das Rasentennis hatte. Der Aufgalopp zum Londoner Grand Slam umfasst nun sechs Turniere, ganze 50 Prozent mehr als noch 2012, die Anzahl der Gras-Events der 500er-Kategorie wurde auf zwei verdoppelt. Folgerichtig hat die Verlängerung der Rasensaison zu einem Revival des Naturbelags geführt, der lange Zeit als obsolet kritisiert wurde.

wimbledon-balljunge-rasen-1024x683Rasentennis | SymbolbildMehrWeniger

Danach ging es aber unrund weiter: Obwohl auf Wimbledon nur mehr die US Open im Grand-Slam-Programm folgen, fanden im Juli gleich fünf Turniere auf Sand statt, davon ein ATP500, aber nur ein 250er auf Hartplatz.

Einmal-Lizenzen im Herbst vergeben

Der Herbst erforderte aber Flexibilität. Denn wie das Masters in Shanghai fielen auch alle anderen Tour-Stopps in China flach. Um die Lücke zu schließen, vergab die ATP einmalige 250er-Lizenzen an sieben Städte. Und selbst bei diesen verhältnismäßig kleinen Events spielen zahlreiche Topstars, da die verpflichtenden Antrittsgelder teilweise höher ausfallen als die Siegerschecks.

Vier 500er, das Masters in Paris-Bercy und die ATP Finals in Turin versprechen weitere prominente Teilnehmerfelder und überkompensieren die Streichung des Kremlin Cups in Moskau. Wie viele dieser neuen Veranstalter wie Neapel oder Gijon es auch ins Programm 2023 schaffen werden, bleibt allerdings abzuwarten.

China-Boykott kostet WTA viel Geld

Die WTA, die finanziell der ATP seit jeher hinterherhinkt, ist in einer kniffligeren Lage. Als 2009 stolz ein Roadmap der Damentour präsentiert wurde, lag das Hauptaugenmerk auf das Eindringen in den aufstrebenden chinesischen Markt. Wegen der strikten Corona-Politik und der konsequenten Linie der WTA-Spitze in der Affäre um die Peng Shuai hängen die Pläne in China in der Luft.

Insgesamt auf 50 Events kam der Damen-Circuit noch 2012. In diesem Jahr richtete die WTA 51 Turniere aus, aber mit im Schnitt deutlich reduzierten Preisgeldern. Allein vor den Australian Open gab es bei drei der fünf Events weniger als 240.000 Dollar zu verteilen. Ein massiveres Problem besteht jedoch am Ende des Jahres durch den Ausfall der fünf lukrativen chinesischen Tour-Stopps.

gesperrter-tennisplatz-1024x683Kein Tennis in China. | SymbolbildMehrWeniger

Fusion als ultimatives Ziel?

Ein schlüssiges Narrativ zu verkaufen, das auf Regionen und Bodenbelägen basiert, gelingt sowohl der ATP als auch der WTA nur bedingt, weil sich beide Circuits eisern dazu verpflichten, ihren Auftraggebern bis zur kurzen Off-Season im Dezember wöchentlich Jobmöglichkeiten anzubieten.

Die aktuellen Herausforderungen haben den Gedanken wiederbelebt, tiefgreifende Kooperationen einzugehen, sogar eine Fusion der zwei Touren steht im Raum. Im Vorjahr machte die WTA einen längst fälligen ersten Schritt, indem man die undurchschaubaren Turnierkategorien gegen das einfache Dreistufen-System der ATP austauschte. Insider sind sich jedenfalls einig, dass eine engere Verflechtung der einzelnen Institutionen den Schritt in die Zukunft weisen würde, was auch ATP-Chef Andrea Gaudenzi längst erkannt hat:


Meine Vision für die Fans ist es, die gesamte Tenniswelt unter einem Dach zu finden.“

– ATP-Chef Andrea Gaudenzi

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Autor: Tobi
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