Tennis-Lockdown: Deutscher Flickenteppich

tobi-redaktionTobi
Lesezeit ca. 3 Minuten

Die strengen Verordnungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie schränken auch den Tennissport stark ein und schlagen auf Gesundheit wie Gemüt der Freizeitspieler. Das Verständnis in der Szene ist gering, zumal man eine einheitliche Regelung vermisst. Hoffnung gibt vor allem der herannahende Frühling.

Der hohe Preis der Freiheit

Die Bilder von den Australian Open gaben Anlass zur Hoffnung: Keine Masken, volle Ränge, ausgelassene Partystimmung. Doch nur ein paar wenige Corona-Fälle in einem Melbourner Hotel bewog die Regionalregierung des Bundesstaates Victoria, Zuschauern für fünf Spieltage einen Turnierbesuch zu untersagen.

Schon die Vorbereitung auf den ersten Grand Slam des Jahres gestaltete sich beschwerlich – ganz zu schweigen von den 72 Spielerinnen und Spielern, die wegen infizierter Personen an Bord ihrer Flüge eine harte, 14-tägige Quarantäne in ihren Hotelzimmern absitzen mussten, darunter Damen-Einzel-Finalistin Jennifer Brady.

Wenig Verständnis in Deutschlands Tennisszene

tennis verbot coronaNun ist in Down Under wieder weitgehend Normalität eingekehrt. Nach dem monatelangen Lockdown im vergangenen Jahr konnte die Zahl an Neuinfektionen und Todesfällen in Zusammenhang mit dem Virus auf Null gedrückt werden, Geschäfte, Gastronomie und Sportanlagen sind wieder geöffnet.

In Deutschland stellt sich vor allem für Freizeitsportler die Situation freilich ganz anders dar. Die auch den Tennissport massiv einschränkenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie stoßen in der Szene auf vorwiegend Unverständnis. Von den offiziellen Stellen wird ja stets betont, dass es sich beim Tennis um einen kontaktfreien Sport handelt, die Abstandsregeln in kaum einer anderen Disziplin derart problemlos einzuhalten sind und auch die Umsetzung der lange existierenden Hygienekonzepte keine Hürde darstellen würde.

Keine einheitlichen Regelungen

„Als Individualsportart haben wir enorme Vorteile gegenüber anderen, die wir klar herausstellen müssen“, ist dem neugewählten DTB-Präsidenten Dietloff von Arnim bewusst, dass die überaus geringe Ansteckungsgefahr beim Tennis in der Öffentlichkeit präziser kommuniziert werden muss. „Tennisspielen ist zu Corona-Zeiten nicht das Problem, sondern Teil der Lösung“, behauptet der 61-jährige Düsseldorfer, der gleichzeitig auf die gehörige Platzgröße von ca. 600 Quadratmetern für zwei bzw. vier Spieler hinweist.

infoDas Raumvolumen einer einzelnen Tennishalle beträgt etwa 4800 Kubikmeter.

Einen einheitlichen deutschen Weg gibt es aber ohnehin nicht. Durch die sehr unterschiedlichen Verordnungen in den einzelnen Bundesländern ist ein regelrechter Flickenteppich entstanden. So sind beispielsweise die Tennishallen in Hessen geöffnet, während man in Thüringen nur auf Freiplätzen spielen darf und in Bayern ein generelles Tennisverbot für Breitensportler herrscht.

Um das föderale Durcheinander perfekt zu machen, gelten in weiteren Bundesländern zusätzlich regionale Unterschiede. So können sich etwa in Brandenburg etwaige Hallenschließungen am lokalen Infektionsgeschehen orientieren.

Existenzängste bei Hallenbetreibern

Nicht selten nehmen Hobbyspieler in diesem Winter deshalb auch lange Wege auf sich, um in benachbarten Bundesländern mit lockereren Regelungen den Tennisschläger zu schwingen. „Man animiert die Leute dadurch quasi noch zum Reisen, was in der jetzigen Phase der Pandemie eigentlich vermieden werden sollte“, sagt Samuel Kainhofer, Geschäftsführer des badischen Tennis Verbandes, gegenüber der Rhein-Neckar-Zeitung. „Man darf mich jetzt aber bitte nicht falsch verstehen. Natürlich haben wir Verständnis für die Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie führen sollen. Aber eine etwas differenziertere Sichtweise wäre angemessen“, so Kainhofer weiter. In Baden-Württemberg ist das Hallentennis für Freizeitsportler derzeit ausnahmslos untersagt.

Unabhängig vom sozialen und volksgesundheitlichen Schaden, der durch den Bewegungsmangel bei geschlossenen Tennisanlagen verursacht wird, sehen sich Hallenbetreiber, Tennistrainer und die Sportartikelindustrie auch mit teils existenzbedrohenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert. Finanzielle Unterstützung seitens des Bundesministeriums gab es bisher kaum.

700 Spitzenspieler im kleinen Österreich?

jürgen melzer tennis österreich

Der sportliche Leiter des ÖTV, Jürgen Melzer, fürchtet um den Nachwuchs.

Auch in Österreich, wo die Tennishallen in diesem Winter landesweit geschlossen blieben, ist der Ärger groß. Aussichten auf eine Lockerung der strengen Maßnahmen gibt es vor Ostern nicht, derzeit wird vielmehr über Verschärfungen diskutiert. Der ehemalige Weltklassespieler Jürgen Melzer macht sich Sorgen, vor allem den zur Untätigkeit gezwungenen Nachwuchs für immer für den Sport zu verlieren: „Kinder, die in der Früh in der Schule negativ getestet wurden, dürfen am Nachmittag nicht gegeneinander Tennis spielen. Das ist doch irgendwie absurd“, findet der nunmehrige Sportdirektor des österreichischen Verbandes.

Für zusätzlichen Unmut sorgte eine zunächst vom Sportministerium genehmigte, rund 700 Namen umfassende Liste an angeblichen Spitzenspielern, die damit den gleichen Status wie Profis und damit freien Zugang zu den Courts gehabt hätten.

Doch Kopf hoch!

Die Temperaturen steigen allmählich, die Freiplätze werden langsam für den Spielbetrieb hergerichtet. Und mit dem Frühlingserwachen sollte dann hoffentlich auch im diesfalls so restriktiven Freistaat Bayern wieder auf die Filzkugel gedroschen werden können.

Tennis News im Überblick

Das könnte dich ebenfalls interessieren:

MehrWeniger
Autor: Tobi
Letztes Update: