Wimbledon: Die richtige Entscheidung

tobi-redaktionTobi
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Der Aufschrei gegen den Ausschluss von Profis aus Russland und Belarus beim Londoner Rasen-Klassiker hallt nicht ab. Beide Touren und zahlreiche Topstars protestieren, betroffene Spieler zeigen sich trotzig. Doch vor allem das Argument, Sport und Politik gefälligst zu trennen, führt seit jeher ins Leere.

Wimbledon prescht wieder vor

1968 leitete Wimbledon eine neue, dynamische Ära im Tennissport ein, indem man als erstes der vier Grand-Slam-Turniere sämtliche qualifizierte, auch bis dahin gesperrte Spieler antreten ließ. 54 Jahre später hebt sich der All England Club als erster Major-Veranstalter hervor, wegen des von Russlands Präsident Wladimir Putin veranlassten Angriffskriegs in der Ukraine an sich qualifizierten Spielern aus Russland und Belarus die Teilnahme am Londoner Rasen-Klassiker zu verwehren.


Link zum offiziellen Statement des All England Club und des Wimbledon Komitees.

Die Entscheidung ruft jede Menge, in alle Richtungen gehende Reaktionen hervor. Mit Ausnahme der ukrainischen Profis stellen sich aber fast alle Akteure sowie auch die beiden Spielervereinigungen WTA und ATP gegen die verhängten Sanktionen des mondänen Tennisclubs. Aus einem rationalen Blickwinkel erscheint der Beschluss aber nicht nur klug, sondern auch richtig zu sein.

Hohle Plattitüden, man solle Sport nicht mit Politik vermischen oder mit Tennisspielern nachsichtig sein, die sich für das Weltgeschehen gar nicht interessieren, klingen wie blanker Hohn, wenn gleichzeitig russische Soldaten in der größten humanitären Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs grausame Kriegsverbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung verüben.

Sport und Politik nicht trennbar

Dass Kate Middleton, Herzogin von Cambridge, in Verlegenheit gebracht werden und Wladimir Putin einen PR-Erfolg gewähren könnte, wenn sie einem etwaigen russischen oder belarussischen Champion die Siegestrophäe überreicht, sei insofern noch zu vernachlässigen.

Der Versuch der Trennung von Sport und Politik ist seit jeher gescheitert. Politische Führer haben sportliche Höchstleistungen von Landsleute schon immer zu Propagandazwecken missbraucht, um das eigene Image aufzupolieren und Stärke der Nation zu untermauern. Anders wäre etwa das staatlich orchestrierte Dopingprogramm russischer Olympiaathleten kaum zu interpretieren.

So entlarvte Dimitri Peskov diese potentielle Symbolik selbst nur allzu deutlich: „Ein weiteres Mal werden Sportler zu Geiseln irgendwelcher politischer Befangenheiten, politischer Intrigen, feindlicher Handlungen gegen unser Land gemacht. Das ist nicht hinnehmbar“, sagte der Kreml-Pressesprecher in einer Stellungnahme zu den Wimbledon-Sanktionen.

„Das ist nicht hinnehmbar.“
– Dimitri Peskov, Kreml-Pressesprecher, zum Ausschluss russischer Spieler.

Spitzensportler zählen zur Privilegierten

Daniil Medvedev, Andrey Rublev oder Aryna Sabalenka als Geiseln feindlicher Handlungen zu kategorisieren, verlangt viel Fantasie, handelt es sich doch um ebenso hochbegabte wie hochbezahlte Athleten. Ob sie es nun wollen oder nicht, repräsentieren sie auf dem Tennisplatz ihr Land, das ist schließlich Teil des Geschäfts.

Der privilegierte Status von Spitzensportlern erlaubt ihnen, Regeln zu missachten, die andere befolgen müssen und sich von Verantwortungen zu befreien, die Otto-Normalbürger nicht abschieben kann. So funktioniert die Welt nunmal, was auch in Ordnung ist – bis es halt nicht mehr okay ist.

Russischen und belarussischen Tennisspielern werden lediglich dieselben Sanktionen auferlegt wie Sportlern anderer Disziplinen oder Persönlichkeiten anderer Metiers, wie Pianisten und Opernstars. Dennoch ging nach der Entscheidung des All England Clubs ein Aufschrei durch das Tennis-Establishment. Offenbar sind die beiden Profitouren der Meinung, das Entfernen der winzigen Flaggen und Nationenbezeichnung neben dem Spielernamen sei die passende Zensur.

Nur Kasatkina zeigt Verständnis

Von Novak Djoković über Rafael Nadal abwärts stellen sich die Profis hinter den ihrer Ansicht nach diskriminierend und unfair behandelten Kollegen aus der kriegstreibenden Nuklearmacht. Diskriminierend? Vielleicht sollten sich die Topstars die täglichen Bilder von mutmaßlichen Kriegsverbrechen der russischen Armee ansehen. Unfair? Ein Blick auf den Twitter-Account des Ex-Spielers und gerade in seiner Heimat kämpfenden Alexandr Dolgopolov @TheDolgo geben hoffentlich eine nüchternere Perspektive.

Vielleicht wären Spieler aus Russland und Belarus in Wimbledon startberechtigt gewesen, wenn sie sich klar vom Putin-Regime distanziert hätten. Wie Daria Kasatkina. „Natürlich sind wir enttäuscht“, sagte die 24-Jährige beim Porsche Cup in Stuttgart. „Es gibt aber viel Wichtigeres, Größeres, was gerade in der Welt passiert. Menschenleben sind viel wichtiger.“

„Menschenleben sind viel wichtiger.“
– Tennis-Ass Daria Kasatkina stellt ihre persönliche Enttäuschung hintan.

Ähnlich kraftvoll drückte sich Anastasia Pavlyuchenkova in einem Tweet aus, den sie aber schnell wieder löschte: „Persönliche Ambitionen oder politische Motive können Gewalt nicht rechtfertigen. Stoppt die Gewalt, stoppt den Krieg.“

Kostuyk mit deutlicher Ansage

Trotzig reagierten hingegen Topspieler wie Victoria Azarenka oder Andrey Rublev. Dieser hatte zwar Anfang März in Dubai für Aufmerksamkeit gesorgt, als er „no war, please“ auf die TV-Kameralinse schrieb (TennisWetten.de berichtete). Seither fiel die Nummer acht der Welt aber lediglich dadurch auf, den Wimbledon-Beschluss als irrational und diskriminierend zu bezeichnen.

andrey-rublev-dezember-2021-davis-cupAndrey Rublev, hier beim Davis Cup 2021.MehrWeniger

Elina Svitolina war Rublevs Botschaft in Dubai besonders sauer aufgestoßen. „Soll unsere ukrainischen Soldaten also einfach aufgeben und unser Land abschreiben?“ Auch Landsfrau Marta Kostyuk, die ihre Kontakte zu Spielerinnen aus den sanktionierten Ländern abgebrochen hat, zeigt in einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN wenig Verständnis. „Sie tun so, als wären sie die Opfer der Situation.“

„Sie tun so, als wären sie die Opfer der Situation.“
– Marta Kostyuk über die Reaktion einiger russischer und belarussischer Tennis-Profis.

Sich aus Angst vor Repressalien gegenüber den in Russland lebenden Familien nicht äußern zu wollen, wertet die aufstrebende Ukrainerin als billige Ausrede. „Seien wir doch ehrlich: Jeder aus den Top 50 hat die Möglichkeit, seine Angehörigen an einen anderen Ort zu bringen. Ich kenne Menschen, die aus Russland geflohen sind, weil sie nicht in einem Land leben können, in dem sie gewisse Dinge nicht sagen oder tun dürfen.“

Zwei Ex-Profis im Kriegseinsatz

Finanzielle Hürden gebe es jedenfalls nicht. Rublev hat allein in den ersten vier Monaten des Jahres 1,4 Millionen Dollar an Preisgeld eingenommen, Medvedev knapp zwei Millionen, Sabalenka 470.000, Azarenka 401.000. Die eigentliche Sanktion manifestiert sich daher auf ein paar freie Wochen, in denen die ausgeschlossenen Profis an ihrer Backhand feilen, im Fitness-Raum schwitzen, am Strand sonnen können oder was auch immer. Die Möglichkeiten sind durchaus vielfältig.

Der soeben zurückgetretene und mit einer Russin verheiratete Sergiy Stakhovsky hingegen, ehemals Nummer 31 der Welt, verbringt wie der einst auf ATP-Platz 13 gestandene Dogopolov die Tage im Kampfanzug als Freiwilliger der ukrainischen Streitkräfte, streift über die Felder, reinigt sein Sturmgewehr und ernährt sich von rationierten Verpflegungspaketen, von denen jedes sein letztes sein könnte.

Wer noch Tränen zu vergießen hat, sollte sie also nicht an Medvedev und Co. verschwenden, sondern für die Menschen in der Ukraine aufheben.

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Autor: Tobi
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