Wimbledon-Setzung: Ende einer umstrittenen Tradition

tobi-autor-portraitTobi
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Für die Setzung im Herren-Einzelbewerb beim bedeutendsten Tennisturnier des Jahres ist erstmals in der Geschichte der Veranstaltung allein das ATP-Ranking ausschlaggebend. Warum sich der All England Lawn Tennis Club aber bei den Damen das seltsame Recht zur Willkür vorbehält, bleibt ein Geheimnis.

Rasenformel hat ausgedient

Im Juli des vergangenen Jahres gab der All England Club eine wenig beachtete, aber umso grevierendere Erklärung ab: Vom Turnier 2021 an entscheidet allein das ATP-Ranking über die Setzlisten beim Herren-Bewerb in Wimbledon.

„In Anbetracht der Qualität des Wettbewerbs, des Unterhaltungswerts des Spiels und der modernen Rasen-Courts sowie nach eingehenden Gesprächen mit Spielervertretern kam der AELTC zum Entschluss, dass die seit 2002 angewandte Formel für die Setzlisten ausgedient hat“, verkündete der All England Lawn Tennis Club im letzten Sommer. „Ab den Championships 2021 basiert der Raster im Herren-Einzelbewerb einzig auf der Weltrangliste. Im Damen-Einzelbewerb wird es keine Veränderung im Setzverfahren geben.“

Letztes Major bricht mit Tradition

wimbledon belag ballDie Nachricht wurde von sämtlichen Profis positiv aufgenommen. Wimbledon war die einzig verbliebene der vier Grand-Slam-Veranstaltungen, bei der ein eigenes System für die Setzung angewandt wurde, um zu verhindern, dass zwei Rasenspezialisten in einer frühen Turnierphase aufeinandertreffen.

Die Botschaft hinter der eigenen Setzregel lautete, dass Rasen einen völlig anderen Belag darstelle als Sandplätze oder Hardcourts. Der schnelle, flache Ballabsprünge verursachende, rutschige Untergrund erfordere besondere Fähigkeiten, über die nur wenige Spieler verfügen würden.

Beläge werden immer mehr angeglichen

Doch die im Laufe der Zeit erfolgte Homogenisierung der Böden, die mit der Veränderung der Grasmischung in Wimbledon 2002 begann, nachdem die Kritik an einem langweiligen, von Serve-Volley-Spielern dominierten Tennis ständig lauter geworden war, ließ diese Unterscheidungen verschwinden.

Gegner der traditionellen Wimbledon-Setzung hatten hervorgehoben, ihre harte Arbeit, die Rangliste hochzuklettern, würde durch ein willkürliches System untergraben werden, das vor allem Leistungen auf Rasen in den vorangegangen zwei Jahren berücksichtige.


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Umstrittene Vorreihungen

Zwar zieht auch der All England Club seit 1975 das ATP-Ranking als Basis für die Setzungen heran, doch hatte das „Wimbledon Seeding Committee“ bisher immer das Recht, Änderungen vorzunehmen und auf Gras besonders versierte Spieler vorzureihen.

  • 2001 wurde etwa Pete Sampras, der sieben der vorangegangenen acht Einzeltitel an der Londoner Church Road gewonnen hatte, von Platz sechs im ATP-Ranking an die Spitze der Setzliste gehievt.
  • Boris Becker, dreifacher Wimbledon-Champion in den Achtziger-Jahren, wurde 1997 als Nummer 18 der Welt an achter Stelle gereiht.
  • Und Stefan Edberg, Sieger 1988 und 1990, hatte man im Jahr davor auf zwölf eingestuft, zehn Plätze besser als es seine Weltranglistenposition aussagte.
  • Zuletzt sorgte 2018 die Vorreihung von Serena Williams an die 25. Stelle für Unmut, die siebenmalige Turniertriumphatorin stand damals lediglich auf Rang 183 im WTA-Ranking, was allerdings vorwiegend mit der Rückkehr auf den Circuit nach der Geburt ihrer Tochter zu tun hatte.

Spanische Rebellion

Zündstoff brachte die Thematik so richtig im Jahr 2000, als die drei spanischen Top-20-Akteuere Àlex Corretja, Albert Costa und Juan Carlos Ferrero aus Frustration ihrer Herabstufung in der Setzliste allesamt das Turnier boykottierten.

„Die ATP fordert von uns, in Wimbledon zu spielen, verpflichtet aber umgekehrt Wimbledon nicht dazu, das ATP-Ranking zu respektieren.“
– erklärte Corretja damals.

Zwar rühmt sich der All England Club, Tradition und Innovation zu vereinen, braucht in der Regel aber lange, Änderungen zu beschließen. Einschneidenden Modifikationen gehen zumeist unzähligen Komiteesitzungen und Beratungen voraus. So wurde erst 2007 das Preisgeld für Damen und Herren in Wimbledon angeglichen, als letztes aller vier Major-Turniere.

roger federer bei aufschlag

Die Vorreihung von Federer machte das Traumfinale 2019 erst möglich!

Änderung der Setzung ermöglicht Traumfinale

Die Debatte verursachte über die Jahre derart viel Aufruhr, dass man sich 2002 schließlich dazu durchrang, das „Wimbledon Seeding Committee“ aufzulösen. Die mit der ATP ausgearbeitete „Grass Court Seeding Formula“ sollte von dem Zeitpunkt an mehr Transparenz bringen und prominente Absagen verhindern.

Die Anpassung unter Mitberücksichtigung der Rasenergebnisse beschwichtigte die Gemüter aber nur zum Teil. In der letzten Auflage 2019 wurde die Nummer drei der Welt Roger Federer vor den Weltranglistenzweiten Rafael Nadal gereiht, um den Schweizer nicht in denselben Ast wie den topgesetzten Novak Djoković zu platzieren. Und tatsächlich standen sich die beiden Ikonen in einem epischen Finale gegenüber, in dem letztlich der Serbe nach zwei abgewehrten Matchbällen jebeln durfte.

Bei den Damen nichts Neues

Warum der All England Club die traditionelle Methode bei den Damen weiter beibehält, ist jedoch nicht ganz schlüssig. „Die Setzung im Damen-Einzel erfolgt nach der Weltrangliste. Doch hat das professionelle Tenniskomitee das Recht, Veränderungen vorzunehmen, um einen ausgewogenen Turnierraster sicherzustellen“, heißt es lediglich in einer Stellungnahme. Dennoch gab es bei der offiziellen Verkündung der Setzlisten am Mittwoch zur Erleichterung der Spielerinnen keine Überraschungen.

Top 8 – Herren-EinzelTop 8 – Damen-Einzel
  1. Novak Djoković
  2. Daniil Medvedev
  3. Stefanos Tsitsipas
  4. Dominic Thiem
  5. Alexander Zverev
  6. Andrei Rublew
  7. Roger Federer
  8. Matteo Berrettini
  1. Ashley Barty
  2. Simona Halep
  3. Aryna Sabalenka
  4. Elina Switolina
  5. Sofia Kenin
  6. Bianca Andreescu
  7. Serena Williams
  8. Iga Świątek

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Autor: Tobi
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