Zverev-Pleite nach Ärger über Corona-Ranking

martin-hill-portraitMartin Hill
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Erst machte Sascha Zverev seinem Ärger über das aufgrund der Coronavirus-Pandemie geänderte Ranking-System der ATP Luft und schoss indirekt gegen Roger Federer, danach folgte am Platz der Ausraster. Die Bilanz: Ein zertrümmerter Schläger & nur fünf Tage nach seinem Sieg in Acapulco ist für den an drei gesetzten Deutschen bei den Miami Open gegen Emil Ruusuvuori aus Finnland Endstation. Er ist allerdings nicht der Einzige, der mit einem Wutanfall für Aufsehen sorgte!

Nach solidem Start riss der Faden

Nachdem beim Auftaktmatch für Zverev mit einem 6:1 zuerst alles auf einen glatten Durchmarsch hindeutete, riss in Satz 2 gegen Ruusuvuori ganz rasch der Faden. Bereits beim Stand von 2:3 musste ein Schläger des 23-jährigen Acapulco-Siegers dran glauben und danach ging kaum noch was. Am Ende zog Zverev kommentarlos und mit eine 3-Satz Pleite (6:1, 3:6, 1:6) vom Platz.

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Video zeigt die Highlights des Miami-Erstrundenmatches von Zverev gegen Ruusuvuori.

Pausierender Federer vor Zverev

Weniger schweigsam gab sich da der Hamburger im Vorfeld des Turniers und sparte nicht mit Kritik. Zuerst bei den ATP Finals in London, dann nach dem Turniersieg in Acapulco und auch vor dem Masters in Miami: Alexander Zverev verschafft seinem Ärger über das adaptierte Weltranglisten-System in einer beachtlichen Regelmäßigkeit Luft. Vor allem will sich der 23-Jährige nicht damit abfinden, dass ein gewisser Roger Federer im aufgrund der weiterhin grassierenden Coronavirus-Pandemie neu berechneten ATP-Ranking noch immer vor ihm gereiht ist. Der Schweizer steht aktuell auf Position sechs, der Hamburger einen Platz dahinter.

„Ich bin der größte Fan von Roger Federer, aber er hat ein Jahr lang nicht gespielt und steht in der Weltrangliste vor mir”, kritisiert Zverev wohl nicht ganz zu Unrecht, und erinnert gleichzeitig daran, dass er selbst in benanntem Zeitraum ein Grand-Slam-Endspiel und das Finale eines Masters-1000-Turniers erreicht habe. „Das System ist eine Katastrophe.“

Keine gewichtige Stimme in der ATP

Federer hatte bereits vor Ausbruch der Pandemie verkündet, sich einer Knie-Operation unterziehen und eine längere Turnierpause einlegen zu wollen. Letztlich musste der 39-Jährige sogar zweimal unter’s Messer und feierte erst Anfang März in Doha nach fast 14 Monaten Pause ein Comeback, das im Viertelfinale endete.

„Ich weiß, was ich ändern würde, aber das ist eigentlich egal, weil ich nicht derjenige bin, der entscheidet“, gab sich der beim aktuell stattfindenden 1000er-Turnier in Miami an Nummer drei gesetzte Sascha Zverev vor seinem desaströsten Erstrundenspiel ebenfalls resignierend. „Das macht die ATP oder wer auch immer. Ich glaube nicht, dass sie meine Meinung interessiert.“ Er möchte ja niemanden beleidigen, aber vielleicht gäbe es ja andere Spieler, größere Champions als ihn, auf die man eher hören würde.

System wurde mehrfach adaptiert

In der Regel berücksichtigt das ATP-Ranking die Ergebnisse der letzten zwölf Monate und ist für die Spieler in erster Linie für die Setzlisten bei Turnieren von Relevanz. Oft beinhalten aber auch Sponsor-Verträge Erfolgsklauseln, die u.a. an der Weltranglisten-Platzierung gekoppelt sind. Nach Ausbruch der Pandemie fror die ATP zunächst das Ranking ein, bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebs im vergangenen Spätsommer entschied man sich, die Bemessungsgrundlage zunächst auf 22, später auf 24 Monate auszudehnen. Doch dabei blieb es nicht.

Und jetzt wird’s kompliziert: Zuletzt hat sich die Spielervereinigung dazu durchgerungen, die Hälfte der Punkte jener Turniere im Ranking zu stehen zu lassen, die im Vorjahr ersatzlos gestrichen werden mussten. In der Praxis bedeutet dies, dass Roger Federer 500 seiner 1000 Weltranglistenpunkte vom Miami-Triumph 2019 behält, obwohl er diesmal auf eine Titelverteidigung verzichtet. Im vergangenen Jahr musste der Masters-Event aus bekannten Gründen abgesagt werden.

Rückendeckung von DTB-Vize

dirk hordorff facebook atp ranking

Original-Kommentar von D. Hordorff auf facebook

Unterstützung bekommt Zverev jedenfalls von Dirk Hordorff. „Der bastelt sich sein eigenes Ranking zusammen“, unterstellt der stets wortgewaltige Vizepräsident des Deutschen Tennisbundes im Podcast „Quiet, please“ Federer, seinen Einfluss als Mitglied des ATP Player Council zu seinen Gunsten geltend zu machen.

„Ohne die Änderung im Ranking wäre Federer nicht in den Top 50“, behauptet der 64-Jährige. „Wer profitiert denn am Meisten, dass alle diese Turniere noch drin sind? Dass das Masters, das ohnehin das 19. Turnier des Jahres ist, zwei Jahre lang drin bleibt? Das ist ja pervers!“ Auf Facebook legt Hordorff nach: „Einige von euch haben das Problem, das Ranking-System der ATP zu verstehen. Dabei ist es so einfach. Roger Federer kann seinen Ranglistenplatz aussuchen – sogar, wenn er nicht spielt.“

Keine Positionsänderung im ursprünglichen Ranking

Detail am Rande: Für Zverev hat die vorübergehende Berechnungsmethode derzeit keine Auswirkung auf seine Platzierung. Denn jenen Rang, den er durch den Rückfall des Schweizers in der Wertung gewinnen würde, müsste er an Andrei Rublew wieder abtreten. Der zuletzt groß aufspielende Russe, der sich ebenfalls über die Regeländerungen echauffierte, würde nach der herkömmlichen Zählweise gar einen Sprung von Position acht auf Rang drei machen.

Turnierblasen als mentale Belastung

alexander zverev tennis

Zverev steht sich oft selbst im Weg

Das Ranking stellt aber nicht das einzige Thema dar, das den 1,98-Meter-Mann gegen die ATP schießen lässt. Zverev stößt auch deren Umgang mit der gesamten Corona-Pandemie sauer auf: „Die sind nur darauf fokussiert, das Finanzielle in Ordnung zu halten. Die Meinung der Spieler ist nicht deren Priorität“, so der Weltranglistensiebte gegenüber der Bild-Zeitung. „Das ist schade, denn die ATP sollte für die Spieler da sein. Im Moment ist man offensichtlich mehr für die Turnierveranstalter da.“

Schon während der Australian Open habe er mit Novak Djoković bei der Spielervereinigung angeregt, dass man wie in Melbourne mehrere Turniere an einem Ort austrage, um die Reisetätigkeiten des Trosses zu minimieren. „Das hat die ATP nicht interessiert“, zeigt sich Deutschlands Nummer eins enttäuscht. „Wir sind auch in Miami in einer Bubble, auch wenn drumherum alles lockerer ist.“ Die ATP solle seiner Meinung nach mehr auf die Länder hören, in denen die Veranstaltungen abgehalten werden. „Sonst wird es mental schwer für uns. Bei einem Hallen-Turnier wie in Rotterdam sehen wir nur Hotelzimmer und Halle, also quasi keine Außenwelt.“

Miami-Ausraster von Pospisil

Übrigens stand die ATP zu Beginn der Miami Open auch im Mittelpunkt eines handfesten Eklats auf dem Court. Im Erstrunden-Match gegen den US-Qualifikanten Mackenzie McDonald erhielt Vasek Pospisil beim Stand von 3:5 und 15:40 die zweite Verwarnung, die folgerichtig in einem Strafpunkt und dem Satzverlust resultierte. Daraufhin verlor der Kanadier, der im September während der US Open mit Novak Djoković die konkurrierende Spielervereinigung PTPA gegründet hatte, völlig die Fassung.

„Eineinhalb Stunden hat mich der ATP-Chef in einem Spieler-Meeting angeschrien, weil ich versuche, mich den Tennisspielern anzuschließen. Weg mit ihm, diesem A…loch“, richtete Pospisil über Stuhlschiedsrichter Arnaud Gabas dem Spitzenfunktionär Andrea Gaudenzi mit wüsten Kraftausdrücken aus und ließ sich vom französischen Umpire auch kaum beruhigen. „Wenn du mich disqualifizieren möchtest, verklage ich gerne die gesamte Organisation“, schnauzte der 30-Jährige, der die Partie letztlich wie auch Zverev in drei Sätzen verlor und sich später via Twitter für sein Verhalten entschuldigte. Die Fortsetzung folgt bestimmt…

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Autor: Martin Hill
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