Carlos Alcaraz: Überspringer der Thronfolge

tobi-redaktionTobi
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Als Alexander Zverev, Stefanos Tsitsipas und der Rest der Next Gen gerade im Begriff waren, die Wachablöse der Big Three untereinander zu regeln, wurden sie vom spektakulären Aufstieg eines spanischen Teenagers überrollt. Mit seinem reichhaltigen Schlagrepertoire und einer bemerkenswerten taktischen Reife stellt Carlos Alcaraz schon jetzt seine älteren Rivalen in den Schatten. Bei den French Open wähnt sich der 19-Jährige bereits in der Favoritenrolle.

Aktuell bester Spieler der Welt?

Seit drei Monaten wird Carlos Alcaraz in der gesamten Tennisszene mit überschwänglichen Lobeshymnen bedacht, die kein Ende zu nehmen scheinen. Obwohl er soeben erst seinen 19. Geburtstag feierte und möglicherweise für die kommenden 20 Jahren an der Spitze des Welttennis stehen wird, gehen langsam die Superlativen aus, um sein spektakuläres Spiel zu charakterisieren.

Der Junge ist einfach unglaublich“, kommentierte etwa Sandplatz-Legende Jim Courier im US-Fernsehen eine außerordentlich präzise angebrachte Stopp-Lob-Kombination gegen Ende des Finales von Madrid am vergangenen Sonntag.

Das aussagekräftigste Kompliment kam aber von Endspielgegner Sascha Zverev. Nach dem – wohl berechtigten – Ärger über seine späten Match-Ansetzungen während der Woche brachte es der Hamburger auf den Punkt: „Ein Finale bei einem Masters-1000-Event gegen Carlos Alcaraz zu spielen, den für mich zur Zeit besten Spieler der Welt, ist schwierig.“

„[Carlos Alcaraz ist der] für mich zur Zeit beste Spieler der Welt.“
– Sascha Zverev

Next Gen bis März auf Kurs

Doch nicht der Satzteil mit dem „besten Spieler der Welt“ sank bei den Journalisten ein. Vielmehr war es die Art, wie Zverev „Carlos Alcaraz“ mit vollem Namen artikulierte – quasi als Synonym für Allzeitgröße im Tennis, vergleichbar mit „Roger Federer“ oder „Rafa auf Sand.“ Neun Jahre lang ist der deutsche Weltranglistendritte bereits auf der ATP-Tour unterwegs, doch selbst er spricht über Alcaraz wie von einer in Entstehung begriffenen Legende.

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Gleichzeitig stellt sich die Frage, was eigentlich aus Zverevs Generation, der sogenannten Next Gen, wurde, nachdem sich nun ein noch jüngerer Spieler anschickt, die Aura der Big Three für sich zu vereinnahmen. Bis zum letzten Januar, als der 26-jährige Daniil Medvedev drauf und dran war, in Australien seinen zweiten aufeinanderfolgenden Grand-Slam-Titel zu holen, schien die geregelte Erbfolge noch völlig intakt zu sein.

Letztlich gewann Nadal in Melbourne sein 21. Major, die anderen drei Semifinalisten hießen Medvedev, Stefanos Tsitsipas und Matteo Berrettini. Auf dem Weg dorthin schaffte es Berrettini in Runde drei gerade noch, Alcaraz im Tiebreak des fünften Satzes in die Schranken zu weisen. Im März verdichteten sich dann mit dem Finalerfolg des 24-jährigen Taylor Fritz über Nadal in Indian Wells sogar die Anzeichen, dass sich die Next Gen sogar erweitern und für die Zukunft konsolidieren würde.

Fesselndes und sympathisches Auftreten

hinweis ausrufezeichenSeither hat Alcaraz diese Gruppe komplett in den Schatten gestellt, auch mit Unterstützung der Next Gen selbst. Medvedev, Berrettini und Fritz mussten verletzungsbedingt lange pausieren, Zverev, Tsitsipas und Félix Auger-Aliassime fielen in der ersten Saisonhälfte in ein Formtief. Indes scheiterten Casper Ruud, Denis Shapovalov und Jannik Sinner daran, ihr höchstes Level Woche für Woche auf den Platz zu übertragen.

Ein kurzes Ausrufezeichen setzte Tsitsipas mit dem Turniersieg in Monte-Carlo, wo er den 22-jährigen Alejandro Davidovich Fokina im Finale besiegte. Dem inzwischen routinierten Griechen gelang somit die erfolgreiche Titelverteidigung, für den aufstrebenden Spanier war das Endspiel im Fürstentum ein großer Durchbruch. Doch der Ruhm hielt nicht lange, wenige Tage später verlor Tsitsipas gegen Alcaraz in Barcelona.

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Der Mann aus El Palamar präsentierte sich in diesem Frühling nicht nur stärker als die Next Gen, sondern auch publikumstauglicher. Weder nannte er die Umpire dumm oder korrupt, noch zerschmetterte er seinen Schläger am Schiedsrichterstuhl oder warf ihn Richtung Ballkind. Der vierfache Saisonsieger, der in Miami und Madrid seine ersten zwei Masters-Titel einfuhr, schenkt dem Gegner Punkte, wenn er der Meinung ist, dass sie durch falsche Entscheidungen der Unparteiischen zustande kamen. Er zieht selbst dann ein breites Grinsen im Gesicht auf, wenn er Schläge ins Out setzt. Und er spielt mit einer geradezu ansteckenden Leidenschaft und versteht es, die Zuschauer miteinzubinden.

Parallelen zu Rafael Nadal 2005

Vermutlich sei er einer der Titelfavoriten in Roland Garros, sagt Alcaraz, der diese Woche in Rom pausiert, voller Selbstbewusstsein. Natürlich hat er mit dieser Aussage recht, dennoch ist es in der Ära Nadal ein durchaus kühnes Statement. Seitdem der Mallorquiner 2005 erstmals die French Open gewann, gilt es beinahe als Sakrileg, allein die Idee zu spinnen, dass ein anderer Spieler in Paris der Favorit sein könnte oder nur im selben Atemzug mit dem 13-maligen Champion erwähnt zu werden.

Doch nach dem ATP1000-Event in Madrid, wo Alcaraz sowohl Nadal als auch Djokovic zum ersten Mal besiegte, sind sämtliche Restzweifel ausgeräumt, ob der Teenager tatsächlich am Bois de Boulogne Chancen auf seinen ersten Major-Titel hat. Für Statistikliebhaber würde eine Wachablöse in diesem Jahr Sinn ergeben. Im Frühling 2005 ebenfalls 19 Lenze zählend, eroberte auch Nadal damals die ATP-Tour im Sturm und gewann in Monte-Carlo und Rom die großen Härtetests vor Paris, wo er schlussendlich die fast erdrückend hohen Erwartungen genauso erfüllte (TennisWetten.de berichteteCarlos Alcaraz: auf den Spuren Nadals).

Die historische Begegnung zwischen Nadal und Alcaraz.


Bei allem Hype um Alcaraz ist sein kometenhafter Aufstieg aber keinesfalls mit dem Untergang der Next gen gleichzusetzen. Medvedev, der nächste Woche auf die Tour zurückkehrt, fertigte den Spanier im Vorjahr in Wimbledon problemlos ab. Tsitsipas, der 2021 in Paris im Finale gestanden war, rang dem Shootingstar vor wenigen Wochen in Barcelona immerhin einen Satz ab. Auch Andrey Rublev konnte in dieser Saison bislang überzeugen, Zverev und Auger-Aliassime scheinen ihre Form wiedergefunden zu haben. Und keiner der erwähnten Herren ist älter als 26. Zudem weiß man einfach nicht, wie sich Alcaraz im anstehenden Sommer auf Rasen schlagen wird.

Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft

Doch Zverev liegt in seiner Beurteilung nicht ganz falsch, dass der Emporkömmling derzeit besser spielt als der Rest der Welt. Keiner der Next Genners verfügt über so vielfältig taktische Möglichkeiten, auch das Schlagarsenal ist bemerkenswert. Ob das Umschaltspiel von Medvedev, die Rückhand von Tsitsipas oder der zweite Aufschlag von Zverev: Sie alle weisen Schwächen auf, die Alcaraz einfach nicht hat.

Tennis Wetten IconEr braucht gar nicht viel Speed, um unglaubliche Power aus seinen beiden Grundschlägen zu generieren. Er setzt den Stoppball nicht als Notschlag, sondern als zusätzliche Waffe ein. Seine Shot Selection mutet ab und an etwas unbedacht an, doch findet er immer wieder Wege, sich selbst zu zügeln und konzentrierter zu agieren, wenn das Match an der Kippe steht. Er schlägt nicht nur zu wie ein Boxer, er bewegt sich auch wie einer.

Die Lobeshymnen haben also durchaus ihre Berechtigung. Denn obwohl Carlos Alcaraz mit seinen schlanken 19 Jahren eine schier beispiellose sportliche Reife an den Tag legt, ist sein Potenzial noch lange nicht ausgereizt. Freilich haben Grand-Slam-Turniere ihre eigenen Gesetze, nicht zuletzt wegen des Best-of-Five-Formats. Doch dass der Weltranglistensechste allein als Topanwärter auf die French-Open-Trophäe gehandelt wird, unterstreicht, wie viel er seiner Vorgängergeneration voraushat.

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Autor: Tobi
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